Category: Medien



Man sollte halt auch dem Publikumsjoker nicht immer blind vertrauen:

Über 49 Prozent waren nach Ablauf der Sendung der Meinung „Ich stimme Grass vollkommen zu“, nur knapp 15 Prozent fanden „Grass ist zu weit gegangen“.

Das bedeutet, dass nur 15% der Zuschauer folgendes als „zu weit gegangen“ betrachten:

[…] Das Enfant terrible durfte der im Publikum befragte Nahost-Experte Michael Lüders geben, der Grass‘ „Grundaussage, dass Israel den Weltfrieden gefährdet“ als „absolut richtig“ bestätigte.

Das einzige, was noch erschreckender ist, ist wie der SPIEGEL dieses Ergebnis bewertet:

[…] Na, wer sagt’s denn? Auch beim Thema Israel – die Deutschen bleiben locker und zivilisiert.

Womit wir erstens wissen, was für unsere Leitmedien locker und zivilisiert ist, und zweitens, warum dieses Land es letztlich nicht wert ist, sich darüber aufzuregen.

Advertisements

Das realpolitische Stabilitätsgeschwätz von Egon Bahr gestern abend bei Anne Will war so ernüchternd, ja nachgerade deprimierend, dass ich schon nach ein paar Tagen wieder gar keine Lust zum Bloggen mehr habe, weil es irgendwie so sinnlos scheint gegen eine veröffentlichte Meinung anzuschreiben, bei der Leute wie dieser sozialdemokratische Dinosaurier der Despotenhätschelei immer wieder irgendwo einem Millionenpublikum als „Experte“ präsentiert werden.

Da ist es dann kein Wunder, wenn die Mehrheit der Leute am Ende tatsächlich glaubt, die Revolte in der arabischen Welt wäre vom Himmel gefallen und der Irakkrieg ein ganz anderes Thema, das nichts mit den aktuellen Ereignissen zu tun hätte. Und das alles nur, weil man im öffentlich-rechtlichen Fernsehen lieber ausgemusterte deutsche Diktatorenversteher einlädt als irakische Demokraten, damit George W. Bush am Ende ja nicht besser dasteht als unser Friedenskanzler.

Zum Glück kam dann – gewissermaßen als Entschädigung – heute doch noch ein Motivationsschub von ganz unerwarter Seite, nämlich aus dem SPIEGEL:

Bei ARD und ZDF findet sich leider kein einziger Beitrag über die finsteren Seiten des ägyptischen Regimes, das jetzt ins Wanken gerät. Und was heißt überhaupt Diktator? Hieß der Mann nicht eben noch, von „taz“ bis „Süddeutsche“, respektvoll „Präsident Mubarak“? Na gut, auch im Journalismus setzt die Erkenntnis manchmal verspätet ein, dafür dann umso heftiger.

Nun wird also eine wertegeleitete Außenpolitik gefordert, die weltweit entschlossen für die Menschenrechte eintritt. Das klingt gut, wer will etwas dagegen haben? Eigenartig nur, dass die selben Leute, die jetzt so vehement mehr Idealismus einfordern, gerade eben noch die USA für ihre Abkehr von den Prinzipien der Realpolitik gescholten haben.

Es war, so schmerzlich dies auch für den einen oder anderen sein mag, der verhasste George W. Bush, der an die Demokratisierung der islamischen Welt glaubte und sich dafür den Hohn und Spott der gesammelten Linken einhandelte.

Ohne auch nur einen Muslim näher zu kennen, wussten alle gleich, warum sich das Modell westlicher Demokratien nicht auf eine rückständige Gesellschaft wie den Irak übertragen lasse und der neokonservative Glaube an den universalen Drang nach Freiheit und Fortschritt naiver Unsinn sei.

Das versöhnt dann doch etwas.

Vom Recht auf Dummheit


Jede Gesellschaft der Welt setzt sich aus Individuen zusammen, die eigene Gedanken und eine Vielfalt von Ansichten haben – kluge und dumme, rechte und linke, religiöse und antireligiöse. Sie alle müssen sich ausdrücken und mitwirken können.

Wer hat das denn gesagt? Ein weltfremder Demokratietheoretiker? Ein radikallibertärer Träumer? Ein Mohammed-Karikaturist? Ein Sarrazin-Fan? Ein Scientology-Spinner? Am Ende gar ein Amerikaner? Weder noch? Die taz!? DIE taz?!?!? Also nee, man kann sich aber auch auf niemandem mehr verlassen…


Seit Franz Josef Strauß war es stets oberstes Prinzip der Union, ein nennenswertes Potential rechts von ihr zu verhindern. Das ist gescheitert und wird auf keinen Fall ohne Wirkung bleiben.

Ja, das macht sie natürlich schwer betroffen, die taz. Klar, daß sie ihrem langjährigen Lieblingsatom- und Kriegsminister nachtrauert. Hat sie Strauß doch wegen seiner wichtigen Integrationsfunktion am rechten Rand jahrzehntelang als politischen Verbündeten betrachtet, den es zu unterstützen galt, und das nicht nur, weil die Sympathien des Ökoblatts seit seiner Gründung bekanntlich immer bei den Unionsparteien lagen.

Doch auch der SPIEGEL weint. Zwar nicht um unser bayerisches Urgestein, aber dafür umso mehr um dessen alten „Männerfreund“ Helmut. Denn wer, wenn nicht der SPIEGEL, hat Kohl während seiner Amtszeit immer jenen publizistischen Begleitschutz gegeben, den er brauchte, um das traditionelle Hauptziel der Hamburger Meinungsmacher, die Förderung erzkonservativer Ideen in der Union, erfolgreich durchzusetzen?

Nicht nur die SPD hat ein Problem mit Thilo Sarrazin. In der Union murren viele über die scharfe Reaktion der Kanzlerin auf die Thesen des Bundesbankers. Der Unmut zeigt: Der erzkonservative Flügel fühlt sich bei CDU und CSU nicht mehr zu Hause. Wie groß sind die Chancen für eine Protestpartei?

Und jetzt passen wir alle auf, daß wir beim Aufstehen in den unzähligen Krokodilstränen, die da aus dem Monitor tröpfeln, nicht noch ausrutschen und auf die Schnauze fallen. Obwohl, wir fallen dann ja weich, wir landen schließlich auf taz und SPIEGEL.


Kann sich noch jemand erinnern, welche der Sender, die immer so gerne weinende palästinensischen Kinder zeigen, das gleich noch waren, die nach dem Mord an den vier israelischen Zivilisten letzte Woche dieses Bild in den Hauptnachrichten gezeigt haben? Oder die sich in einem vor Betroffenenheit triefenden Kommentar ihres Chefredakteurs über diese Bilder hier empört haben? Ich find’s jetzt auf die Schnelle gerade nicht.

(Hat tip: TPR)

Heute schon GEkotZt?


Wer wissen will, wozu das zwangsgebührenfinanzierte öffentlich-rechtliche Qualitätsfernsehen gut ist, nun, so wie es aussieht, zu gar nichts. Genaugenommen schadet es sogar mehr als das es nutzt. Gestern abend beispielsweise wurden die Tagesthemen mit dem Hinweis auf einen Bericht darüber angekündigt, daß während Israelis und Palästinenser in Washington miteinander reden, israelische Extremisten zu Hause die Gespräche zu verhindern suchten.

Wer ob dieser überraschenden Einleitung etwas verwirrt war, weil es ja palästinensische Extremisten gewesen waren, die am Tag zuvor ein Massaker an israelischen Zivilisten verübt hatten, um die Gespräche zu torpedieren, und nicht umgekehrt, der staunte erst recht, nachdem er im Bericht selbst durchaus erfuhr, daß die erwähnten israelischen Extremisten damit auf eben diesen Terroranschlag der bei der Anmoderation zufälligerweise vergessenen palästinensischen Extremisten reagierten.

Wer angesichts dieses Eingeständnisses jetzt stutzig wird, da selbst bei Reaktionen israelischer Nichtextremisten auf Angriffe palästinensischer Extremisten sonst üblicherweise von einer israelischen „Eskalation“ oder, falls der Journalist zu den seltenen israelfreundlicheren Vertretern des ältesten schreibenden Gewerbes der Welt gehört, wenigstens von der Beteiligung an einer „Gewaltspirale“ die Rede ist, nun das hat einen ganz simplen Grund.

Denn die Tat der israelischen Extremisten bestand nicht darin, sich dieser Bezeichnung auch mal würdig zu erweisen und einen durchgeknallten Baruch-Goldstein-Verschnitt mit durchgeladenem Sturmgewehr in die nächste Moschee zu schicken oder wenigstens den eigenen Premierminister zu erschießen, sondern sie beschränkten sich darauf, mit den Bauarbeiten für ein Haus zu beginnen, dessen einzigen Blutzoll die dort lebenden Regenwürmer und Gliederfüßler entrichten mußten.

Was für den Schwaben neben dem Schaffen der Hauptzweck seines Daseins ist, qualifiziert den Zionisten aus Sicht des offiziellen deutschen Allparteienfunks aber offenbar schon zum gemeingefährlichen Radikalinski, der mit dem Mörder an einer schwangeren Frau auf eine Stufe zu stellen ist. Oder anders ausgedrückt, Kleintiere mit weniger als zwei und mehr als vier Beinen auf palästinensischer Heimaterde (bzw. dem, was ein von Sachkenntnis unbeleckter ARD-Volontär dafür hält) sind für Tagesthemen-Moderatoren genausoviel wert wie tote Juden.

Dabei haben die palästinensischen Extremisten noch Glück gehabt, daß in der israelischen Regierung aller GEZ-finanzierten Propaganda zum Trotz eben doch nur geduldige Friedensfreunde sitzen. Denn eigentlich hätten nach diesem barbarischen Verbrechen (dem Mord, nicht dem Hausbau) sofort die Bomber starten und der Tiefbaubranche in Gaza eine Nachtschicht am Hamas-Hauptquartier bescheren müssen. Da bleibt nur zu hoffen, daß Bibi bloß gemäßigt ist, nicht aber vergeßlich.


Und wieder ein totes muslimisches Mädchen. Und wieder in Politik wie Medien Europas niemand da, den es interessiert.

Turkish strikes kill girl in Iraq’s north

Teenage girl’s family also wounded in strikes against Kurdish rebel positions in self-rule region

Seit dem 31. Mai, also dem Tag, an dem bei der Erstürmung der Gaza-Flotille durch israelische Commandos neun militante Islamisten aus der Türkei starben, und seit dem der türkische Premier sich vor Empörung gar nicht mehr einkriegt, tötete seine Armee nach eigenen Angaben insgesamt bereits mehr als 120 Kurden. Die Reaktionen der europäischen Politik sind bekannt. Es gab keine.


Das ist die Schlagzeile, mit der der SPIEGEL den Leser auf die Untaten der zionistischen Soldateska einstimmt:

Soldaten erschießen flüchtenden Palästinenser

Das zum Artikel gehörige Bild zeigt im Vordergrund einen an dem Vorfall unbeteiligten kleinen Jungen, vermutlich, weil die Bilder von israelischen Grenzpolizisten, palästinensischen Erwachsenen oder Jerusalemer Autounfällen gerade aus waren.

Und passiert ist folgendes:

Israelische Grenzsoldaten haben am Freitag einen Palästinenser in Ost-Jerusalem getötet. Der Mann habe mit seinem Auto zwei Soldaten angefahren, sagte ein Sprecher der israelischen Polizei. Ein Grenzschützer sei leicht verletzt worden, der andere „schwerer“. Die Soldaten hätten dann auf den Mann geschossen, der zu Fuß geflohen sei und nicht auf Warnschüsse reagiert habe.

Aber die Medien versuchen natürlich in keinster Weise, irgendwie antiisraelische Ressentiments zu wecken.


Bevor Erdogans antiwestlicher Kurswechsel und die häßlichen Bilder aufgehetzter Radikalinskis in der Türkei jetzt den Eindruck erwecken, daß das türkische Volk wie ein Mann hinter seinem außer Kontrolle geratenen Führer steht, und sich nichts sehnlicher wünscht, als einen iranisch-türkischen Block zu bilden, um dem Rest der Welt den Krieg zu erklären, nun, dem ist definitiv nicht so. Ob die schweigende Mehrheit noch die Mehrheit ist, mag dabei vielleicht umstritten sein, aber schweigen tut sie zumindest schon mal nicht mehr:

Politicians from Turkey’s opposition parties and a number of columnists have expressed concern over the fueling of public rage towards Israel by Prime Minister Recep Tayyip Erdogan’s government in the aftermath of the deadly raid  on the Gaza-bound flotilla.

According to the critics, this policy is jeopardizing the delicate balance Turkey has maintained in its ties with the East and West.

[…] Kemal Kilicdaroglu, chairman of The Republican People’s Party and one of the opposition’s leaders, told Turkish television, „The European Union and the United States consider Hamas a terror organization. We must be careful.“

[…] „People will understand very soon that the IHH is harming Turkey,“ wrote Cuneyt Ulsever, a columnist in the daily Hurriet, on Sunday, saying the effect of the crisis would be to persuade the West that Turkey is aligning itself with the likes of Iran, Syria, Hamas and Hezbollah.


Während Medien und Politik in Europa die Affäre um die Gaza-Flotille primär als weitere Episode des Dauerkonflikts zwischen Israel und den Palästinensern behandeln anstatt als Ergebnis einer grundsätzlichen strategischen Neupositionierung der türkischen Außenpolitik, stellen die von dieser beunruhigenden Entwicklung direkt Betroffenen vor Ort jene Fragen, um die es eigentlich geht:

But for us here in Turkey, the implications run far deeper. In many ways, the botched raid by Israeli commandos on the high seas symbolizes our moment of return to the old neighborhood we left almost a century ago—back to the heart of the Middle East.

“I don’t understand how this happened so fast,” a friend lamented last night over cocktails at an upscale nightclub on the Bosporus in Istanbul. “We were about to go into the European Union, and before you know it, there we are, everyone wrapped in Palestinian flags and sending toothpaste to Gaza.”

[…] We are now officially caught up between the West and the Muslim world, between Islamic solidarity and our place in Europe, as our politicians lead the global jihad against Israel and we sip Cosmopolitans on the Bosporus.

[…] Once the dust settles, there is too much we need to discuss back home. Can we really help the Palestinians and energize the peace process? Is Turkey strong enough to lift the embargo in Gaza? Or wait, wait—are we just abandoning our place in the West, losing ourselves in a fleeting moment of grandeur?

(Hat tip: Clemes Wergin)