Wenn am 9. November der nächste Präsident der Vereinigten Staaten Donald Trump heißen sollte, werden sich seine Wähler sicher freuen, es dem verhassten „Establishment“ gezeigt zu haben. Sie werden oft auch glauben, dass das, was Trump tun wird oder wenigstens angekündigt hat zu tun, für sie persönlich von Vorteil sein wird, und wer weiß, vielleicht wird das am Ende für einige von ihnen sogar tatsächlich zutreffen. Sie werden wie die meisten Menschen auf der ganzen Welt vor allem danach handeln, was sie für ihre eigenen Interessen halten, und vielleicht noch die ihrer Kinder berücksichtigen, mehr aber auch nicht.

Was sie hingegen wahrscheinlich um einiges weniger interessieren wird, ist, dass ihr Präsident in gewisser Weise nicht nur Ihnen gehört, sondern, ob ihnen das gefällt oder nicht, bis zur Schaffung einer global legitimierten Alternative de facto immer auch zugleich der kommissarische Weltpräsident sein wird. Denn seit 75, wenn nicht 100 Jahren sind es die USA, die trotz aller Fehler, die sie dabei machen, als „indispensable nation“ unterm Strich die bestehende Weltordnung garantieren, als Führungsmacht die freie Welt verteidigen und so wenigstens die Option auf eine bessere Zukunft der Menschheit aufrechterhalten.

Das kann den amerikanischen Wählern zugegeben natürlich erst mal egal sein. Das sollte es aber nicht, und zwar nicht zuletzt gerade auch in ihrem eigenen Interesse und vor allem dem ihrer Nachkommen. Denn die USA haben unter großen Opfern zwei Weltkriege geführt und im Kalten Krieg unter der nuklearen Bedrohung ihre bloße Existenz riskiert, um den freieren, liberaleren und demokratischeren Teil der Welt vor der Eroberung durch die großen Despotien Eurasiens zu schützen und deren Vereinigung zu einem dann eines Tages möglicherweise endgültig übermächtigen Feind zu verhindern.

Deshalb haben sie nach dem II. Weltkrieg der verlockenden Versuchung des Isolationismus widerstanden und alles dafür getan, um sicherzustellen, dass sich die potentiell gefährlichsten Mächte Europas – Deutschland und Russland – nicht dauerhaft gegen die angelsächsisch geführten Allianzen des Westens verbünden können. Viele Väter und Großväter der heutigen Wähler sind an fernen Orten wie Omaha Beach oder Bastogne nicht zuletzt auch dafür gestorben, und wer das Ende von „Saving Private Ryan“ gesehen hat, sollte selbst als Trump-Sympathisant zustimmen, dass es das tatsächlich wert war.

Falls jemand jetzt denkt, die Zeit eines „Great Game“ sei vorbei und der bereits von Obama als „nation-building at home“ eingeleitete Rückzug auf die Festung Amerika eine ernsthafte Option, der wird noch zu seinen Lebzeiten mit Schrecken feststellen, dass Indifferenz gegenüber der Welt jenseits des Ozeans Amerika nicht groß macht, sondern schwach, und dass die Wölfe, die draußen heulen, irgendwann nicht mehr nur übereinander herfallen werden, sondern sich früher oder später gegen diejenigen wenden müssen, der sie als einziger noch daran hindern könnte, die Welt nach Gutdünken unter sich aufzuteilen.

Wer trotzdem meint, die 30er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts wären nur verstaubte Geschichte, und nicht glauben mag, dass es nochmal so weit kommen könnte, der muss sich nur die Entwicklung der populistischen Bewegungen ansehen, die in fast allen Staaten Europas von einstigen Pariahs der nationalen Politik zu einflussreichen Akteuren wurden, die die politische Agenda inzwischen zumindest entscheidend mitbestimmen und dort, wo sie die Macht bereits erobert haben, demokratische Errungenschaften wie auch die sicher geglaubte Westbindung zunehmend zurückzudrehen beginnen.

Und hier geht es schon längst nicht mehr nur um sicherheitspolitisch zweitrangige Staaten wie Ungarn oder Österreich. Die Türkei, die inzwischen die konventionell stärkste NATO-Armee Europas besitzt und alleine dadurch schon eine der letzten verbliebenen Säulen des atlantischen Bündnisses ist, wird momentan zu einer waschechten Diktatur auf Schmusekurs zu einem zunehmend aggressiveren Russland umgebaut, und auch die Atommacht Frankreich könnte in nicht allzu ferner Zukunft von den durch Putin finanzierten Antiwestlern des Front National auf eine Konfrontation mit den USA ausgerichtet werden.

Auch hinsichtlich des immer schon zwischen Ost und West hin- und hergerissenen Deutschlands sollten in den USA alle Alarmglocken klingeln. Militärisch inzwischen drittklassig, bleibt die BRD trotzdem eine Wirtschaftsgroßmacht. Wurde die antiwestliche Grundhaltung dort bisher nur an den politischen Rändern rechts- und linksaußen offen zur Schau getragen, würde bei einem US-Präsidenten Trump die traditionell zur Neutralität neigende SPD den latent vorhandenen Antiamerikanismus zweifellos mittels eines „Friedenswahlkampfs“ in die Mitte der Gesellschaft führen und eine Neuorientierung hin zu Putins Russland mehrheitsfähig machen.

Dann aber wäre jenes Szenario, vor dem die großen Vordenker westlicher Geopolitik, Mackinder und Spykman, seit mehr als hundert Jahren immer wieder gewarnt hatten, nämlich ein von Deutschland und Russland gemeinsam dominiertes und damit ganz gewiss nicht lupenrein demokratisches Europa, kein albtraumhaftes, aber immerhin noch abwendbares Schicksal mehr, sondern eine bedrückend realistische und von jenseits des Atlantik dann nur noch schwer zu beeinflussende Option, die das Leben der meisten Menschen weit mehr als alles andere prägen könnte. Auch das derjenigen, die am 8. November für Donald Trump gestimmt haben.