Mein Haus ist schön. Nichts besonderes, ein ganz normales Mehrfamilienhaus, aber in einer vergleichsweise ruhigen, gepflegten Gegend. Hier ist alles gut organisiert, also wer wann die Strasse kehrt, wie viel wir in die Hausgemeinschaftskasse zahlen und für was wir das Geld ausgeben. Wir haben sogar ein eigenes Hausmitteilungsblatt! Die Nachbarn sind im Großen und Ganzen halbwegs ok (zumindest nerven sie in der Regel nicht groß), die Vorgärten gepflegt, alles ganz nett. Manchmal sogar fast ein bisschen langweilig, die Gegend. Aber egal, man hat seine Ruhe und das Leben hier ist vergleichsweise problemlos.

Das war nicht immer so. Früher, lange bevor ich hier eingezogen bin, muss es hier noch richtig rund gegangen sein. Gab immer wieder kräftig Randale, bis irgendwann mal die Polizei mit einem kompletten SEK eingerückt ist und dem Spuk ein Ende bereitet hat. Gab damals wohl eine richtige Strassenschlacht, bei der, wie ich gehört habe, auch einiges zu Bruch ging, aber nachdem die Polizei die übelsten Krawallmacher aus dem Verkehr gezogen hatten, setzten sich die übrigen Bewohner zusammen und beschlossen, gemeinsam alles dafür zu tun, dass das Viertel nie mehr so runterkommen sollte.

Sie haben dann angefangen miteinander Geschäfte zu machen statt sich gegenseitig zu beklauen, bemühten sich wenigstens, einander gegenüber höflich zu sein, und irgendwann wurden manche, deren Eltern sich noch abgrundtief gehasst haben, richtige Freunde. Es haben sogar welche untereinander geheiratet, das wäre früher undenkbar gewesen. Ist natürlich sicher noch nicht perfekt, manchmal sogar ein bisschen spießig, aber man muss zugeben, sie haben doch ganz schön was draus gemacht. Auch wenn hier die Mieten natürlich etwas höher sind, ist es schon toll, hier leben zu können.

Leider ist das nicht überall in unserem kleinen Städtchen so. Auf der anderen Strassenseite beginnt ein Viertel, da ist es noch so wie früher bei uns. Die Häuser sind runtergekommen, überall häusliche Gewalt, mangels anderer Perspektiven entstehen dort kaum Jobs, und jeder Versuch aus diesem Teufelskreis von Kriminalität und Verwahrlosung auszubrechen, wird spätestens von den die Strassen beherrschenden Gangs im Keim erstickt. Kinder, die in der Schule was lernen wollen und anfangen, das ganze in Frage zu stellen, kriegen auf dem Nachhauseweg, spätestens aber daheim eine aufs Maul.

Manchmal hören wir hier, wie in den Häusern auf der anderen Strassenseite Geschirr zerdeppert wird oder sehen auch mal wie ein Fernseher aus dem Fenster fliegt. Manchmal hören wir sogar Schreie, z.B. wenn sich dort verfeindete Banden prügeln, aber auch wenn ein Familienvater seine Frau als Drecksschlampe beschimpft oder die Kinder grün und blau schlägt. Die Polizei lässt sich selten blicken, eigentlich nur, wenn einer von unserer Strassenseite sie ruft, weil’s wieder mal zu laut war, und auch dann zieht sie oft unverrichteter Dinge wieder ab, weil sie dort angeblich nicht zuständig wäre. Und dort ruft die ohnehin keiner. Falls doch mal, hat er als Nestbeschmutzer nichts zu lachen.

Bei uns im Haus gibt’s da nur Unverständnis für. Wenn wir hier Differenzen haben, machen wir eine Mieterversammlung und reden über alles. Gibt auch hier sicher mal Meinungsverschiedenheiten, aber am Ende raufen sich alle wieder zusammen. Dass die da drüben sich das Leben zur Hölle machen, versteht hier keiner. Aber obwohl jeder hier im Haus um nichts in der Welt da drüben leben möchte, unternimmt auch keiner wirklich was, damit es drüben besser wird. Und wenn mal einer eine Idee hat, wie man drüben helfen könnte, wie beispielsweise der George, dann halten sie ihn alle für einen gefährlichen Spinner, der bestimmt nur die Tankstelle drüben übernehmen will. Das Thema wird lieber totgeschwiegen, letztlich will keiner wirklich was damit zu tun haben.

In letzter Zeit ist das aber zunehmend schwieriger geworden. Es gab ja immer schon mal Fälle, da sind welche von der anderen Strassenseite aus Angst vor Ehemann, Stiefvater oder Strassenschlägern zu uns geflüchtet, und was man da zu hören kriegte, war echt schlimm, aber das schien zum Glück doch eher die Ausnahme zu sein. Dachten wir zumindest, vielleicht haben wir es aber auch einfach nur verdrängt. Denn seit ein paar Wochen häufen sich die Fälle. Erst haben sie nur von der anderen Strassenseite aus um Hilfe gerufen, aber weil hier keiner wirklich was unternommen hat, klingeln hier jetzt andauernd welche, die dann wenigstens hier bei uns in Sicherheit bleiben wollen.

Früher hat das unsere Idylle nicht groß gestört, aber weil es inzwischen so viele sind, fangen unsere genervten Nachbarn jetzt an, die zu uns weiterzuschicken, vor allem seitdem die Vorsitzende unserer Mieterversammlung, die Angela, gesagt hat, dass wir sie doch aufnehmen können. Was ja im Prinzip sympathisch ist, wenn man überlegt, dass es bei uns früher schließlich auch übel war und viele von uns damals froh waren, wenn sie woanders aufgenommen wurden, wo man sie nicht mehr terrorisiert. Zudem stehen bei uns ein paar Wohnungen leer, wäre eh gut, wenn da wieder jemand einzieht. Ein paar junge Leute wären schön, das soll ja kein Altersheim hier werden. Aber obwohl am Anfang die meisten der Angela zugestimmt haben, mehren sich jetzt die Stimmen, die das auf einmal nicht mehr gut finden.

Neben mir wohnt z.B. einer, das ist eigentlich ein Netter, so ein liberaler Geist, der will niemandem was vorschreiben, sich aber andererseits auch nirgendwo einmischen. Mit Kriminellen will er nichts zu tun haben, mit der Polizei aber auch wieder nicht. Der hält sich am liebsten überall raus. Er meint, man soll die Menschen nur in Ruhe lassen, dann regelt sich alles von selbst. Als wir letztens bei uns auch mal einen Fall von häuslicher Gewalt hatten, war seine größte Sorge, dass die Polizei von ihm wissen will, was da in der Wohnung unter ihm passiert ist, weil das niemanden etwas anginge und er ja auch nicht wolle, dass jemand was über ihn erzählt. Der findet sogar die Hausordnung schon unzumutbar. Aber jetzt hat er auf einmal Angst, dass die neuen Mieter die Hausordnung am Ende dann vielleicht auch nicht ernst nehmen könnten.

Dann gibt’s da im Obergeschoß rechts diesen eher konservativen Typ. Der sagt, er findet das alles natürlich auch traurig, aber das ginge ja nicht, dass die alle herkommen. Ist aber nur Heuchelei. Macht zwar auf braven Bürger, aber anstatt im Laden auf der anderen Strassenseite einzukaufen und dort den normalen Preis zu zahlen, holt er sich von Zigaretten bis zum DVD-Player alles immer bei einem der Hehler von drüben. Und als der Ladenbesitzer, nachdem er wegen dieser unlauteren Konkurrenz sein Geschäft zumachen musste, letztens an der Tür um etwas Essen gebettelt hat, hat er ihn tatsächlich mit den Worten weggeschickt, er solle gefälligst was arbeiten! Eigentlich hat er sich mit Angela früher immer gut verstanden, aber zur Zeit ist er ziemlich sauer auf sie, weil er sich durch die von drüben belästigt fühlt, solange sie nicht dort bleiben.

Die Öko-Tussi, die ihm links gegenüber wohnt, regt sich da zwar tierisch drüber auf, ist selbst aber keinen Deut besser. Die ist nur insofern hilfsbereit, als sie einmal im Jahr drüben aufs Strassenfest geht, aber als letztens einer von dort bei uns hier günstige Kartoffeln verkaufen wollte, fand sie das scheiße, weil ihr Freund ein Biobauer ist, dem der von drüben die Preise kaputtmachen würde. Und immer, wenn die Polizei auftaucht, weil einem Familienvater die Hand mal wieder ein bisschen zu oft ausgerutscht ist, schimpft sie, dass die Bullen sich in Privatangelegenheiten gefälligst nicht einmischen sollen. Beim letzten Großeinsatz drüben, bei dem die Polizei einen Straßenräuber erschossen hat, der gerade dabei war jemanden abzustechen, hat sie sich sogar mit dem Schild „Polizisten sind Mörder“ hingestellt. Natürlich auf unserer Strassenseite, ist sicherer.

Weil bei dem Einsatz dann noch ein Querschläger einen Passanten verletzt hatte, hat sie gemeint, dass die Bullen keinen Deut besser wären als die Kriminellen (seitdem hasst sie auch den George, der war damals der Einsatzleiter). Deshalb hat sie anschließend mit der Begründung, dass Gewalt niemals eine Lösung ist, über eine Bürgeriniative soviel Druck auf den Stadtrat ausgeübt, dass die Polizei drüben kaum noch eingreifen darf, sondern höchstens noch Sozialarbeiter, und die auch nur mit Zustimmung der jeweiligen Bandenchefs. Dafür soll dann jeder, der möchte, bei uns einziehen dürfen (also im Erdgeschoss, nicht oben bei ihr). Dass sich dann drüben die Täter den Besitz ihrer vertriebenen Opfer unter den Nagel reißen, findet sie zwar auch doof, aber Hauptsache wäre doch, dass endlich wieder Frieden ist.

Weiter zugespitzt hat sich die Lage dann noch, als kürzlich so ein dubioser Rockerboss aufgetaucht ist, der zwar auch früher schon im Hintergrund aktiv war und traditionell gute Verbindungen in die dunkelsten Ecken drüben hatte, aber seitdem die Polizei sich zurückzieht, versucht er ganz offen das Viertel zu übernehmen. Letztens fuhr er an der Spitze seiner Gang mit nacktem Oberkörper auf dem Motorrad am Damaszener Platz vor und hat von seinen Schlägern alle Passanten verprügeln lassen, die dort rumstanden, und die Opfer dann auch noch pauschal als Kriminelle beschimpft. Da waren bestimmt auch ein paar darunter, aber er ist nun wirklich der letzte, der sich dazu äußern sollte. Trotzdem meinen bei uns hier ein paar allen Ernstes, dass dank dem Auftauchen dieser Rockerbande jetzt weniger Leute zu uns rüberkommen würden.

Bei der letzten Mieterversammlung wurde dann beschlossen, den Frank-Walter rüberzuschicken. Der kann gut reden, also so, dass es niemandem weh tut, aber irgendwie besonnen klingt, so dass man wenigstens das Gefühl hat, etwas gegen die Ursachen unternommen zu haben. Die haben bei der Mieterversammlung gemeint, dass er den Rockerboss und die anderen Gewalttäter vielleicht davon überzeugen kann, wieder netter zueinander zu sein, so dass die ganzen Leute, die zu uns geflüchtet sind, freiwillig wieder zurückgehen, auch ohne die verhasste Polizei rufen oder gar Georges altes Konzept wieder aus der Schublade holen zu müssen. In den Augen der meisten ist halt die wichtigste Lehre aus der Geschichte unseres eigenen Viertels, dass bei Polizeieinsätzen immer so viel kaputt geht, nicht dass dabei mitunter gemeingefährliche Verbrecher festgenommen werden.

Der Typ, der im Erdgeschoss links neben dem Hauseingang lebt, hat seitdem Angst vor der ganzen Entwicklung. Nachdem die Angela die Haustür aufgeschlossen hat und jetzt auf einmal lauter Leute im Hausflur rumhängen, die er nicht kennt, fühlt er sich irgendwie unsicher. Dass in der Hausmitteilung nur von Besuchern die Rede ist, gleichzeitig aber davon, dass sie Mietverträge kriegen sollen, verwirrt ihn, da ihm keiner erklärt, dass es auch in seinem eigenen Interesse ist, dass die leeren Wohnungen nicht verfallen, dass auf dem Spielplatz endlich wieder Kinder spielen, dass auch die neuen Mitbewohner sich an die Hausordnung halten werden, wenn wir das wirklich wollen, dass gar nicht alle hier einziehen wollen, sofern wir drüben endlich helfen, aber auch, dass ganz unabhängig davon unterlassene Hilfeleistung kein Kavaliersdelikt ist.

Unten in der Kellerwohnung rechts neben dem Klo haust dann noch so ein unangenehmer Kerl mit fiesem Seitenscheitel und kurzgeschorenem Nacken, der erklärt ihm das jetzt. Früher konnten sich die beiden nicht ausstehen, aber jetzt sitzen sie öfter bei einem Bier zusammen. Und der aus dem Keller erzählt ihm, dass die von drüben alles faule Kriminelle seien, die nicht nur dem Biobauern von der Öko-Tussi den Job wegnehmen, sondern auch ihm, dass man die von drüben erst gar nicht über die Strasse lassen sollte, dass die Polizei mit ihrer Einmischung an den Verhältnissen drüben schuld ist, dass sie schon damals in unserem Viertel viel zu viel kaputt gemacht hat, und dass man es am besten dem Rockerboss mit dem nackten Oberkörper überlässt, dort Ordnung zu schaffen. Ach ja, und dass hinter allem dieser Banker vom Ostufer steckt.

Wie gesagt, mein Haus ist eigentlich schön. Aber wenn ich ehrlich bin, ist es ein Irrenhaus.