Irgendwie war es ja zu erwarten. Nachdem all jene, die sich jahrelang für die Kooperation mit den diversen nahöstlichen Potentaten oder wenigstens für deren Schutz vor unzulässigen imperialistischen Forderungen nach Demokratisierung eingesetzt haben, seit Anfang des Jahres Tag für Tag medial die Hucke voll kriegen, weil nicht nur der Mensch im allgemeinen, sondern auch der Araber im besonderen zur neokonservativen Sicht der Dinge weit kompatibler ist als zu ihrem eigenen menschenverachtenden Kulturrelativismus, musste sich diese wochenlange Demütigung durch die bittere Realität des menschlichen Freiheitsdrangs und die damit verbundene Zerstörung liebgewonnener Gewissheiten über kurz oder lang ein Ventil suchen. Frustration führt ja bekanntlich zu Aggression, also musste ein Sündenbock her. Und wer wäre da besser geeignet als Muammar al-Gaddafi, der hat damit schließlich Erfahrung.

Nicht dass der jetzt ein Unschuldslamm wäre, im Gegenteil, sein Sturz ist ja nicht erst seit zwei Wochen überfällig. Aber diejenigen, die sich jetzt am lautesten über ihn empören, wären zweifellos die letzten gewesen, die Beifall geklatscht hätten, wenn Ronald Reagan nach dem Luftangriff im April 1986 seinem Spitznamen „Rambo“ Ehre gemacht und den Job zu Ende gebracht hätte, indem er anschließend die Marines schickt, um in den Trümmern nachzuschauen, ob sich Gaddafi nicht doch noch lebend aus irgendeinem Erdloch ziehen lässt. Genausowenig hätten sie es zu goutieren gewusst, wenn der texanische Cowboy Bush sich neben Gaddafis Atomwaffen auch gleich noch dessen Kopf geholt hätte. Daher wirkt die derzeit im Falle Libyens von Gutmenschen wie Realpolitikern an den Tag gelegte Abscheu selbst im Vergleich mit der schon abstoßenden Heucheleiwelle der letzten Monate noch mal ganz besonders widerlich. Ronnie war ja noch ein würdiger Gegner, aber manche „Feinde“ hat selbst Gaddafi nicht verdient.

Nehmen wir z.B. die Grünen. Da reibt sich Claudia Roth die braunen Augen und bemerkt nach gerade mal etwas über 40 Jahren, dass Diktatoren doch tatsächlich Krieg gegen die eigene Bevölkerung führen. Dumm nur, dass ihr eigenes Fußvolk Gaddafis Herrschaft traditionell nicht nur verharmlost, sondern die Errungenschaften der libyschen Revolution auch schon mal begrüßt. So traf man früher immer wieder auf grün-alternativ angehauchte Zeitgenossen, die Gaddafi gar nicht mal primär wegen der Farbe seines Buches zuneigten, sondern weil von A wie Alphabetisierung und Autobahn über K wie Kinderkrippe und Krankenversicherung bis Z wie Zusammenhalt und Zentrale Wirtschaftsplanung diese Klientel offenbar immer irgendwas positives findet, solange sich ein Regime nur antiwestlich genug gibt. Was zugegeben nicht wirklich zu überraschen vermag, konnte man als Grüner ja auch den chinesischen GULag-Kommunismus als demokratisch bezeichnen, ohne von Claudia Roth nachträglich exkommuniziert zu werden. Und wenn sogar die eigene Parteiprominenz nach Tripolis pilgern darf, kann man deren Wählern schlecht verwehren, wenigstens davon zu träumen.

Bei so viel Verlogenheit darf der SPIEGEL natürlich nicht fehlen. Mit schreckgeweitetem Blick stellt er fest, dass unter Gaddafis Herrschaft doch tatsächlich gefoltert und gemordet wurde, ganz so, als ob nicht genau das der Job eines Diktators ist. Dabei hätte schon ein flüchtiger Blick ins eigene Verlagsarchiv gezeigt, dass zumindest die ältere Journalistengeneration schon weiter und sich der Verbrechen Gaddafis durchaus bewusst war. In einer Ausgabe der 80er-Jahre findet sich nämlich ein wunderschönes Interview mit Gaddafi, bei dem die SPIEGEL-Redakteure ihn nach „Konzentrationslagern“ (ja, wenn mich meine Erinnerung nicht trübt, benutzten sie genau dieses Wort) in seinem Land fragten, worauf dieser in der wohl nur ihm eigenen Coolness freundlich anbot, dass sie sich gerne in Libyen umschauen dürften, sie würden bestimmt keines finden. Womit er zweifellos recht hatte. Nicht dass da keines wäre. Aber dass sie es eben nicht finden würden.

Nun ist es nichts neues, dass deutsche Pseudomoralapostel ihr Fähnchen gerne in den Wind des Zeitgeistes hängen. Für Gaddafi hingegen weit enttäuschender dürfte der Verrat der eigenen Amtskollegen sein, die ihm jahrelang die Treue hielten, egal wie viele Oppositionelle er ermorden, wie viele Terroranschläge er organisieren oder wie viele Kriege er führen ließ. Und hier ist nicht Rockerkumpel Berlusconi gemeint (auch wenn der ebenfalls ziemlich lange gebraucht hat um zu merken, dass der Dauercamper auf seinem Rasen nicht alle Höcker am Kamel hat) sondern seine alten Kumpane aus der arabischen Liga, die ihm zu einem Zeitpunkt, als die Toten des Aufstands in Libyen noch nach hunderten statt, wie inzwischen zu befürchten steht, nach tausenden zählten, einfach den Stuhl vor die Tür setzten. Mal im Ernst, welcher seiner dort residierenden Mitdespoten hat denn weniger Menschenleben auf dem Gewissen?

Automatisch schießt einem da die Vorstellung in den Kopf, wie Assad junior sich während der Abstimmung über die Mitgliedschaft Libyens bei seinem Abschlussplädoyer regelrecht in Rage redet: „Dieser Zwerg! 300 Tote!!! Kann der Hund eigentlich nichts richtig machen? Mein Papa hat damals auf einen Schlag 30.000 umlegen lassen, und dann war Ruhe im Karton. Dieser Clown hingegen macht nicht nur halbe Sachen, er lässt sich auch noch dabei erwischen. So ein Versager ist eine Schande für uns alle hier im Saal. Den will ich hier nicht mehr sehen! Ich beantrage daher den sofortigen Ausschluss Libyens aus unserer ehrenwerten Gesellschaft. Und beeilt Euch, der amerikanische Botschafter wartet draussen mit den neuen Friedensplänen.“ Worauf der andere Baschir (der aus dem Sudan) in den Saal ruft „30.000? Assad, Du erbärmlicher Wicht, gib nicht so an! Ich biete 300.000! Und wenn Du Dein Maul noch mal aufreisst, leg ich noch einen hunderter drauf. Ach ja, und schaff endlich einer diesen peinlichen Wüstenfloh aus Libyen hier raus!“ Kein Wunder, wenn sich ein verdienter Revolutionär wie Gaddafi da ein kleines bisschen zurückgesetzt fühlt.

Wer jetzt aber glaubt, so viel Scheinheiligkeit ließe sich nicht mehr toppen, hat die UNO vergessen. Deren Gipfel sind ja immer auch solche der Heuchelei, und so schießt sie zweifellos Gaddafis Vogel ab, als sie nach langem Zögern plötzlich Sanktionen fordert für etwas, was der schon seit Jahrzehnten macht, nämlich seine Untertanen zu schikanieren, und das anders als der Durchschnittstyrann sogar nur nebenberuflich (hauptberuflich schikaniert er lieber den Rest der Welt). Das wiederum hinderte die Weltfachorganisation für angewandte Bigotterie nicht nur nicht daran, jemanden namens Gaddafi (die Namensgleichheit ist nicht zufällig) in den UNO-Menschenrechtsrat wählen zu lassen, wo er zur Stunde immer noch Sitz und Stimme hat, nein, in deren nicht minder berüchtigter Vorgängerorganisation, der UNO-Menschenrechtskommission, hielt er zeitweise sogar den Vorsitz,was letztlich nur folgerichtig war, gibt er doch seinen eigenen Menschenrechtspreis heraus. Wer könnte da nicht nachvollziehen, dass Gaddafi sich in letzter Zeit irgendwie ein wenig unfair behandelt vorkommt?

Doch der neueste Plan der UNO, den offiziell anerkannten Eigentümer Libyens eines Tages (also wenn andere die Kohlen aus dem Feuer geholt haben) nach Den Haag zu schaffen, dürfte nicht aufgehen. Denn selbst wenn der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen die Causa Gaddafi an den Internationalen Strafgerichtshof überweisen sollte, muss sich unser Bruder Oberst keine Sorgen vor einem Ende hinter holländischen Gardinen machen. Auch wenn der noch ausstehende Friedensnobelpreis momentan kaum durchzusetzen sein dürfte, sein Freispruch ist bereits so gut wie sicher. Nicht wegen eines etwaigen Mangels an Beweisen, davon gibt es wahrlich mehr als genug, und das nun wirklich nicht erst seit gestern. Aber man muss nicht Psychologie oder Medizin studiert haben, um zu erkennen, dass jeder Richter, der sich halbwegs an gängige Rechtsstandards hält, Gaddafi laufen lassen muss, weil wenn die Berufung auf geistige Unzurechnungsfähigkeit jemals Sinn gemacht hat, dann ja wohl hier.

(P.S.: Die Hyperlinks dieses Artikels wurden mit bit.ly gekürzt. So viel Solidarität muss sein.)