Zugegeben, in letzter Zeit ist es wieder besonders verlockend, hochmütig auf die Anhänger der Realpolitik herabzuschauen, weil die sich jahrelang bereitwillig noch der finstersten Gestalten bedient haben, solange diese nur im richtigen Team spielten. Doch man sollte dabei so ehrlich sein zuzugeben, dass man auch als Moralapostel mitunter Kompromisse macht und sich eines Bösewichts bedient, weil der gerade so praktisch ist, um seine Ziele zu erreichen, ohne selbst zu fragwürdigen Methoden greifen zu müssen. Der Krieg lässt eben nicht gerade die besten Eigenschaften des Menschen zutage treten, und das gilt natürlich auch für den auf den Straßen.

Denn wer kennt das nicht: Die Autobahn ist halbwegs frei, das Wetter akzeptabel, die Geschwindigkeitsbegrenzung endet in wenigen Metern, und man könnte das Elefantenrennen der nervigen Brummikolonne nach schier endlos scheinenden Minuten hinter sich lassen und sich vielleicht nicht rasant, aber doch angemessen zügig fortbewegen, und dann wird da nix draus, weil Pappnasens mal wieder Familienausflug haben und bei Tempo 110 gemütlich die linke Spur entlangcruisen, um sich von Tante Erna in aller Ruhe die Schönheiten der Lüneburger Heide erklären zu lassen, was auch dadurch nicht leichter wird, dass deren Zahl eher überschaubar ist.

Nun könnte man natürlich den unsympathischen Verkehrsrowdy geben und mit gesetztem Blinker und Dauerlichthupe bei dem rollenden Verkehrshindernis an der hinteren Stoßstange andocken, bis Papa Pappnase sich aus purer Angst ums nackte Überleben dazu herablässt, seine Blockade wenigstens vorübergehend auf die mittlere Spur beschränken. Aber wozu sich selbst die Hände schmutzig machen? Denn im Rückspiegel deutet sich mit einem kurzem Lichtblitz am Horizont bereits die Lösung des Problems an, und das ist genau der Moment, in dem auch der glühendste NeoCon seine hehren Prinzipien vergisst und den Obama in sich entdeckt.

Also fährt man kurz zur Seite und wartet einfach die wenigen Sekunden ab, bis aus dem entfernten Aufflackern eine mit gefühlter Lichtgeschwindigkeit heranrauschende Batterie aus Xenon- und LED-Flakscheinwerfern in allen Farben und Formen geworden ist, deren Kampfpilot automobile Drecksarbeit in den meisten Fällen schnell und zuverlässig erledigt und die Fahrbahn weit schneller freiräumt als ein Bushhasser „Friedensnobelpreis“ sagen kann, weil letztlich selbst abgebrühte BMW-Fahrer kurz vor dem ungebremstem Einschlag unseres Ingolstädter Jungdynamikers lieber das Steuer nach rechts reißen als posthum recht behalten zu haben.

Und wenn die Straße dank dessen technischen Vorsprung auch zivilisierten Zeitgenossen wieder zugänglich ist, fährt man einfach gemütlich zurück nach links, schaut aus den Augenwinkeln mitleidig auf die schlingernden und sich überschlagenden Kollateralschäden des vor uns bereits wieder kleiner werdenden Testosteronbombers, und freut sich selbstgefällig, dass man durchaus vorwärts kommen kann, auch ohne sich selber danebenzubenehmen. Das ist natürlich im Prinzip nur dieselbe Selbsttäuschung, der auch die Anhänger der Realpolitik unterliegen, aber dank unseres Asphalt-Mubaraks haben wir etwas wichtiges für’s Leben gelernt:

Realpolitik ist, wenn man den Vierringel vorbei lässt.