Und schließlich kürte die Afrikanische Union (AU) den Präsidenten von Äquatorialguinea, Teodoro Obiang, einen ausgemachten Despoten, der seit 31 Jahren sein Volk knechtet, zu ihrem neuen Vorsitzenden. Er sprach in seiner Antrittsrede von Werten wie Menschenrechten und Demokratie, die nun „an die afrikanische Kultur angepasst“ werden müssten.

Wo ist das Problem? Damit setzt er doch nur das um, was Stabilitätsfanatiker wie das auch vom SPIEGEL immer wieder gern ausgegrabene Urgestein (andere würden sagen der Betonkopf) sozialdemokratischer Realpolitik, Egon Bahr, seit Jahr und Tag predigen und wofür dessen jeweils für die Umsetzung zuständigen Kanzler von Brandt bis Schröder von den jetzt über die Entwicklung in Ägypten so sehr empörten Fernsehzuschauern bis heute seltsamerweise als große Staatsmänner verehrt werden:

Ich glaube, dass es falsch ist, wenn wir die Demokratie zum Hauptgut unseres Exports machen. Sehen Sie sich doch die Situation im Irak an. Und die in Afghanistan: Am Hindukusch ist das Ziel einer nachhaltigen Demokratisierung des Landes stillschweigend fallen gelassen worden. Was wir dort jetzt noch erreichen wollen, ist die Stabilität eines sich eines Tages selbst tragenden Staates. Ich sehe auch nicht, dass wir mit Demokratieforderungen gegenüber Russland und China weiterkommen. Wichtiger als Demokratie sind für mich Stabilität und Rechtssicherheit.

Womit Terrorregime, die sich dank genügend Brutalität ausreichend zuverlässig an der Macht halten und ihre Opfer auch gleich noch per Gesetz entrechten, die Verkörperung des Traums linker Außenpolitik wären. Schön, dass wir das mal abschließend geklärt haben. Da kann ein aufrechter Sozialdemokrat dieser Tage vermutlich nur hoffen, dass Mubarak endlich hart genug durchgreift und die Opfer anschließend noch wegen Unbotmäßigkeit vor Gericht zerrt. Nicht dass da am Ende noch gewisse Mindeststandards verletzt werden.

Der frühere SPD-Außenpolitiker verteidigt bei Anne Will die zögerliche Haltung der Kanzlerin – und predigt einen knallharten Realismus: Die Welt würde nach Bahrs Ansicht im Chaos versinken, würden wir jegliche Zusammenarbeit mit autokratischen Ländern aufkündigen. Russland, China und Saudi-Arabien? Alles keine demokratischen Staaten. Und dennoch wichtig für stabile Verhältnisse. In puncto Ägypten sollte der Westen daher zurückhaltend bleiben, sagt Bahr. Die Ägypter bräuchten Selbstbestimmung, aber keine Nachhilfe in Demokratie.

Und wenn er uns jetzt noch verrät, wie besagte Selbstbestimmung ohne Demokratie funktionieren soll, kriegt er einen Keks. Aber Kulturrelativisten, die formale Dinge wie freie Wahlen bekanntlich für weit überschätzten Schnickschnack halten, der ohnehin nichts für fremde Kulturen ist, hatten ja noch nie ein Problem damit, dass der von ihren Schützlingen verkörperte Volkswille notfalls auch gegen den Willen von dessen Untertanen durchgesetzt werden muss. Dafür kann man dann auch mal auf einen Keks verzichten.