Auch dem SPIEGEL ist nicht entgangen, dass momentan ganz dringend ein Umschreiben der Geschichte angesagt ist, soll Supermann Obama nicht auf dessen moralischen Müllhaufen landen. Das ist ein klarer Fall für den Schmitz:

Ägyptens Alt-Autokrat Mubarak macht ein paar Zugeständnisse, lehnt einen raschen Rücktritt ab – der US-Präsident gibt sich damit zufrieden. Obama will Chaos und den Machtgewinn von Islamisten unbedingt verhindern. Aber stellt sich der Friedensnobelpreisträger auf die falsche Seite der Geschichte?

Sicher nicht. Denn das geht schon alleine deswegen nicht, weil er da bereits die ganze Zeit stand.

[…] Noch schwerer aber tut sich ein Realist, den viele für einen Idealisten halten. Präsident Barack Obama fällt immer mehr in diese Gruppe.

Nicht immer mehr. In diese Gruppe fiel er schon immer. Man sollte ihm nur halt auch mal richtig zuhören.

Nach seiner Wahl hofften weite Teile der Welt auf eine moralische, eine idealistische Wende der US-Außenpolitik.

Was beweist, dass weite Teile der Welt es mit den Ohren haben. Denn Obama hat von Beginn an klar gemacht, dass er auf Realpolitik setzen wird, und zwar ganz bewusst als Gegensatz zu Bushs Demokratisierungsfeldzug. Und genau dafür hat er von jenen, deren Ohren noch funktionieren, auch Applaus gekriegt.

[…] „Mr. Change“ droht plötzlich, auf der anderen Seite zu stehen. Bei der Fraktion, der Wandel eher suspekt ist.

Aber auch die angeblichen Idealisten haben, wenn’s in der Debatte mal wieder eng wurde (und das war oft der Fall!), die Demokratie immer wieder gerne als verzichtbares Detail westlichen Hegemonialstrebens geschmäht. Das jetzt nur auf ihren Meister zu schieben, ist unredlich.

Das wird den Politiker Obama schmerzen. Wirklich überraschen kann diese Entwicklung aber nicht, sie ist bloß Höhepunkt der Metamorphose eines Politmessias in einen Realpolitiker.

Netter Versuch. Aber das war er von Anfang an, und auch der SPIEGEL fand das eigentlich immer schon ganz knorke. Was nicht wirklich verwundert, denn den konfrontativen Ansatz gegenüber Diktatoren  hat das Hamburger Magazin noch nie wirklich zu würdigen gewusst, sonst hätte ein gewisser Gregor Peter Schmitz über Bush wegen dessen Kompromissen während der zweiten Amtszeit sicher nicht ganz so viel Hohn und Spott ausgegossen.

[…] Offene Anfeuerung für die Grüne Revolution im Iran verkniff er sich 2009. Menschenrechte und Demokratie, diese Worte nimmt der Friedensnobelpreisträger Obama ohnehin eher zögerlich in den Mund.

Den Satz sollte man sich merken. Denn wer weiß, ob ein anderer Gregor Peter Schmitz in ein paar Jahren nicht wieder die gegenteilige Meinung vertritt. Soll ja vorkommen.

Natürlich liegt das mit an seinem schwierigen Erbe: Solche Begriffe sind in weiten Teilen der Welt fast schmutzige Wörter geworden, nachdem Vorgänger George W. Bush sie zu PR-Waffen seiner „Freedom Agenda“ machte – und etwa im Irak per Panzer durchsetzen wollte, mit bekannt verheerenden Folgen.

Ach wirklich? Welche sollen das denn bitte schön sein? Dass die Iraker jetzt ihre Regierung selber bestimmen können? Dass es im Irak wirtschaftlich schneller aufwärts geht als im Rest der Welt? Oder am Ende gar dass während des Krieges (also seit die Massenmörder ihre Opfer nur noch sporadisch aus dem Untergrund angreifen statt sie ganz offiziell in die Massengräber treiben können) die Zahl der Opfer verglichen mit den Jahrzehnten des vorher herrschenden „Friedens“ auf einen Bruchteil (irgendwo zwischen einem Drittel und einem Zehntel) zurückgegangen ist? Wieso ist das so schlimm? Und wieso beschmutzt das Begriffe wie Demokratie und Freiheit?

Condoleezza Rice, Bushs Außenministerin, hielt 2005 noch eine Rede in Kairo, in der sie Ägypten seine Versäumnisse vorhielt. Mubarak tobte.

Na da schau her! Bushs Außenmisterin. Also doch. Und dann kam der Change. Was ist dann daran jetzt so überraschend, dass es anschließend ein wenig anders wurde? Das ist schließlich der Sinn der Sache, sonst hieße der Change schließlich nicht Change.

Als Obama an gleicher Stätte vier Jahre später die islamische Welt ansprach, erwähnte er die Schwächen in Kairo höchstens am Rande. Jedes Land müsse seinen eigenen Weg zur Demokratie finden, schien er Mubarak fast versöhnlich zuzurufen.

Aha!? Klingelt was? Und, soll ich die Lobeshymnen des SPIEGEL auf eben diese Rede rausuchen?

In Obamas Weißem Haus hört man nun eher auf Stimmen wie die des ehemaligen Nationalen Sicherheitsberaters Brent Scowcroft, einer Ikone des Realismus. Als Bush-Frau Rice diesen vorhielt, über Jahrzehnte habe Amerika Diktatoren in der Region gepäppelt, das müsse endlich aufhören, lächelte der weise alte Scowcroft nur listig: Dafür habe man dort ja die ganzen Jahrzehnte Frieden gehabt.

Weswegen für Realpolitiker der friedlichste Ort der Welt ja auch bekanntlich ein Friedhof ist.

Obama blickt mittlerweile ähnlich pragmatisch auf die Welt, das bringt sein Amt mit sich. Und mit Blick auf Kairo kann man ihm eine solche Sicht schwer verübeln.

Stimmt, im Irak ist‘s irgendwie netter.

[…] Mubarak war für Washington „the devil we know“, der Teufel, den wir kennen, wie es in der „New York Times“ heißt – niemand in der US-Hauptstadt kennt hingegen wirklich die Führer, die ihm folgen könnten.

„The devil we know“ – auch ein schöner Ausdruck. Sozusagen das „unser Hurensohn“ des dritten Jahrtausends.

[…] Für Washingtoner Strategen ist so viel Umbruch fast ein Alptraum – und Obamas Team, „von den Ereignissen fast komplett überrascht“ (Politico), wirkt derzeit eher getrieben als treibend.

Das ist bei der Realpolitik kein Bug sondern ein Feature. Ohne eigene Vision von einer besseren Welt hoffen ihre Verfechter bloß, dass es irgendwie gut geht, und wenn nicht, können sie nur noch hilflos oder unmoralisch reagieren. Oder beides.

Richard Cohen, Kolumnist der „Washington Post“, schreibt: „Der Traum von einem demokratischen Ägypten wird in einem Alptraum enden. Amerika muss auf der Seite der Menschenrechte stehen. Aber es muss auch auf der richtigen Seite der Geschichte stehen.“

Vielleicht, so fürchtet Cohen, stimmten die beiden Ziele diesmal einfach nicht überein.

Also in der Bush-Doktrin von 2002 taten sie es noch. Wäre vielleicht nicht schlecht, vor dem Erstellen der nächsten Nationalen Sicherheitsstrategie da noch mal einen Blick drauf zu werfen, statt wieder nur rumzustümpern. Aber machen wir uns nichts vor: Wenn es schief geht und in Ägypten tatsächlich die Islamisten an die Macht kommen sollten, dann wird auch dem SPIEGEL wieder einfallen, dass es eben doch Bush und die NeoCons waren, die an allem schuld sind. Und Schmitz wird Obamas realpolitische Weitsicht loben…