Momentan macht es richtig Spaß, ältere Artikel zur Demokratisierung des Mittleren Ostens zu lesen. Auch wo man nicht jedem Halbsatz zustimmen kann, ist es ein Vergnügen sich vorzustellen, wie all die ex-Realpolitiker, die jetzt den unauffälligen Seitenwechsel ins Lager der demokratiefixierten Naivlinge zu planen beginnen, verzweifelt versuchen, selbst durchaus Bush-kritische Berichte wie diesen hier zu verdrängen:

Bekanntlich stand der Irak-Krieg ganz im Zeichen neokonservativer Pläne zur „revolutionären Demokratisierung“ des Nahen Ostens. Diese sahen eine Art „Dominoeffekt der Demokratisierung“ vor: Vom Irak aus sollte die Demokratie auch die anderen despotisch oder autoritär regierten arabischen Staaten und den Iran erfassen – und dauerhaft für politische Stabilität in dieser Krisenregion sorgen.

[…] Eins kann man den amerikanischen Neokonservativen trotz berechtigter Kritik nicht vorwerfen: Dass ihre Analyse der Grundprobleme und der notorischen Blockade im Nahen und Mittleren Osten falsch sei. Im Gegenteil: Die Feststellung, dass 60 Jahre Realpolitik die autoritären und Regime am Leben hielten, ist auch heute kaum zu widerlegen.

Was inzwischen sogar einige der eingefleischtesten Bush-Hasser zu erkennen beginnen, weswegen sie das Widerlegen auch lieber eingestellt haben und die Demokratisierung jetzt plötzlich selber ganz dufte finden, indem sie sie einfach zu ihrem ureigenen Anliegen erklären. Die NeoCons hingegen sind für sie die wahren Hintermänner der Realpolitik. So schön kann Geschichte sein, wenn man nur das Kurzzeitgedächtnis ausschaltet.

Zum ersten Mal fanden die aus der Region selbst geäußerten Wünsche nach tief greifenden Reformen in Richtung Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in Washington offiziell Widerhall; zeitweise schien es sogar, als würde man sich in Teilen der US-amerikanischen Entscheidungseliten vom bislang herrschenden Primat der Stabilität vorsichtig distanzieren.

Die Hoffnungen auf Demokratisierung der Region scheiterten vor allem im sunnitischen Dreieck. Je schwieriger die Situation der Amerikaner im Nachkriegsirak wurde, desto mehr nahm ihre Angst vor Instabilität in dieser strategisch wichtigen Region zu. Die regionalen Akteure, insbesondere Ägypten und Saudi-Arabien, erkannten die schwierige Lage der USA, wurden selbstbewusster und konnten externe Reformforderungen leicht abwehren.

Dies dürfte jetzt schwerer werden, fielen doch in den letzten Wochen bei Demonstrationen in Ägypten mehr Menschen politischer Gewalt zum Opfer als den Terroristen im Irak während desselben Zeitraums. Und damit es auch für unsere Realpolitiker schwer bleibt, noch dieser schöne Schlußsatz, auf dass der orientalische Teppich, in den sie gerade beißen, ihnen noch möglichst lange im Magen liegen bleiben möge:

Festzuhalten bleibt jedoch, dass es den amerikanischen Neokonservativen in der Tat gelungen ist, das Thema Demokratie auf die politische Agenda im arabischen Raum zu setzen, und eine in ihrer Qualität und Intensität neuartige innerarabische Debattenkultur über demokratische Reformen, Rechtsstaatlichkeit und Pluralismus begann sich zu etablieren.