Archive for November, 2010



Die ganze Welt kann nachlesen, wie Amerikas Außenpolitik funktioniert – die Enthüllung der Geheimdepeschen schockiert US-Diplomaten: Sie müssen nun wütende Kollegen in vielen Ländern besänftigen. Experten sehen die Beziehungen zwischen Botschaftern und ihren Gastländern schwer beschädigt.

Ach, wie schön, dass die Außenpolitik anderer Länder ganz anders funktioniert. Der deutsche Botschafter in Washington hat sicher immer nur lobende Worte für Präsident Bush und dessen Minister gefunden, in russischen Auslandvertretungen werden westliche Politiker traditionell in allen Ehren gehalten, Briten reden schon aus purer Höflichkeit nicht schlecht über ihre Mitmenschen, und dass ein französischer Diplomat auf das Politpersonal anderer Länder herabsehen könnte, ist nachgerade unvorstellbar. Vom Tonfall der Unterlinge der diversen Drittwelt-Despoten wollen wir da gar nicht reden, der ist bekanntlich sowieso über jeden Zweifel erhaben. Da macht es natürlich Sinn, auf die USA zu zeigen. Bleiben ja schließlich noch genug Finger übrig.


Ich kann mir nicht helfen, aber irgendwie erschließt es sich mir nicht so recht, wie WikiLeaks-Boss Julian Assange, dessen Arbeit offenkundig unter dem Motto steht, dass jeder alles über andere erfahren sollte (ups, falsches Foto, aber der Unterschied ist jetzt nicht so groß, und der Spruch passt ohnehin perfekt), es zum Idol einer Generation von Bloggern und Journalisten bringen konnte, die sich ansonsten bei Begriffen wie Online-Durchsuchung oder Vorratsdatenspeicherung 24 Stunden am Tag vor Angst ins Hemd machen.

Zugegeben, das kann natürlich auch daran liegen, dass hier nur ein paar lächerliche internationale Krisen riskiert werden, um verabscheuungswürdige Kapitalverbrechen wie abfällige Bemerkungen über ausländische Politiker durch vertrauenswürdige Privatleute ans Tageslicht zerren zu lassen, während bei von dubiosen Richtern genehmigten staatlichen Eingriffen immerhin die Privatsphäre harmloser Eierdiebe verletzt wird, bloß um Bagatelldelikte wie die Vergewaltigung kleiner Kinder oder die Planung von Terroranschlägen aufzuklären.

Aber gut, vielleicht muss man das ganze ja auch einfach vom Unterhaltungswert her betrachten. Alleine die Vorstellung, dass ein Bediensteter der hiesigen US-Botschaft die seiner Ansicht nach schlecht gefärbten Haare früherer deutscher Bundeskanzler megapeinlich gefunden haben könnte, und dies jetzt raus käme, ohne dass man ihn dafür vor Gericht zerren könnte, entschädigt wenigstens ein klein wenig dafür, dass dieser unsympathische WikiLeaks-Schnösel niemals die Frau von John McClane kennenlernen wird.


US-Präsident Obama hat das Regime in Pjöngjang lange vernachlässigt, andere Probleme schienen dringlicher. Nordkorea will durch die jüngste Provokation womöglich erreichen, wieder Ernst genommen zu werden.

Ach so, Kim Jong Il will nur ein wenig mehr Aufmerksamkeit und Zuneigung? Dann ist’s ja halb so schlimm. Wäre nur schön, wenn der SPIEGEL bei US-Präsidenten genauso verständnisvoll wäre wie bei dahergelaufenen Tyrannen. Denn Bush wollte ja vielleicht auch bloß, daß die Vereinigten Staaten wieder ernst genommen werden, und der Irakkrieg war am Ende nur ein verzweifelter Hilferuf angesichts eines global grassierenden Antiamerikanismus.

Erschreckend ist, wie wenig die USA über das stalinistische Land wissen.

Noch erschreckender ist allerdings, wie wenig Gregor Peter Schmitz über das stalinistische Land und seine internationalen Verflechtungen sowie ganz allgemein über das Funktionieren von Diktaturen weiß. Die Wahrscheinlichkeit, dass Nordkorea die Krise nur künstlich inszeniert, um den iranischen Spießgesellen angesichts des Flottenaufmarschs im Mittleren Osten etwas Entlastung zu bringen und die USA dort von etwaigen Abenteuern abzuhalten, ist jedenfalls mindestens genauso groß, wie dass der geliebte Führer gerade nur ein wenig „ronery“ ist.


Mir fällt ja gerade nichts kluges ein, aber wozu auch, das erledigt der SPIEGEL mit seinem netten Hinweis auf die thailändischen Kollegen diesmal ausnahmsweise selber ganz hervorragend:

Für Thailands Zeitung „The Nation“ ist US-Präsident Barack Obama schon jetzt ein Verlierer der Auseinandersetzung. Denn anders als sein Vorgänger George W. Bush könne der Friedensnobelpreisträger nicht ungeniert mit dem Säbel rasseln: „Pjöngjang ist total glücklich, diese offene Flanke Obamas schamlos ausnutzen zu können.“

Vom Westler nichts neues


Bin momentan leider immer noch auf diversen anderen Baustellen eingespannt. Ab nächste Woche wird’s aber hoffentlich wieder lebhafter hier.


Obamas Kairoer Rede an die muslimische Welt etwa war eine Ansprache für die Geschichtsbücher.

Stimmt. Denn damit wurde die alte realpolitische Doktrin der Kooperation mit brutalen Diktatoren durch die Gleichsetzung der Interessen der Unterdrückten mit denjenigen ihrer Unterdrücker noch einmal explizit auf die Muslime ausgedehnt, damit auch ja jeder mitkriegt, daß nicht nur christliche Despoten zu Obamas Hurensöhnen zählen dürfen. Und das wird hoffentlich wirklich in den Geschichtsbüchern stehen. Wäre zumindest ausgesprochen schade, wenn das jemals in Vergessenheit geriete.

[…] Sicher, viele Baustellen bleiben. Pakistan ist nach wie vor ein Pulverfass. Der offene Einsatz für Demokratie und Menschenrechte ist von der Agenda verschwunden, der Friedensprozess im Nahen Osten stagniert.

Doch sein wichtigstes Versprechen, Amerikas Ansehen in der Welt wiederherzustellen, hat Obama eingelöst.

Das einzige, was noch irrwitziger ist, als eine Steigerung des Ansehens Amerikas bei Verzicht auf den Einsatz für Demokratie und Menschenrechte festzustellen, ist das ziemlich verquere Amerika-Bild der Autoren sowie die Tatsache, daß sie allen Ernstes meinen, damit ein Argument FÜR Obama gefunden zu haben. Nach diesem entlarvenden Satz sollten sich die Bush-Hasser jedenfalls in Grund und Boden schämen und es in Zukunft lieber erst mit Nachdenken probieren, bevor sie noch mal den Mund aufmachen.