Der tragische Fall der drohenden Steinigung einer iranischen Mutter wurde von einem Bloggerkollegen zum Anlaß genommen, mal wieder einen neuen Anlauf für die Privatisierung des Militärs zu unternehmen. Nicht daß es grundsätzlich falsch wäre, über ein effizienteres System der Zuweisung militärischer Resourcen nachzudenken, aber die hier gemachten Vorschläge sind so rührend naiv, daß sie dem Versuch, einen sinnvollen Einsatz privatwirtschaftlicher Mechanismen im Verteidigungsbereich einzuführen, eher schaden als nutzen.

Denn bei allem Verständnis für die ehrenwerte Motivation in diesem konkreten Fall und die Verärgerung über die Untätigkeit der großen Politik, aber das Kriegspielen überläßt man nicht ohne Grund besser den Profis. Die Welt funktioniert nämlich nicht so einfach wie in einem Chuck-Norris-Film. Deshalb irrt der Artikel auch gleich in einer ganzen Reihe von Punkten, und solange die Libertären keine Antworten auf die daraus resultierenden Fragen finden, wird’s nicht nur nichts werden mit der Privatisierung des Militärs, es ist auch besser so.

1. Die Ausrüstung

Für das Geld, was man hier durch Spenden eintreiben könnte, bekäme man ohnehin bestenfalls ein paar Dutzend mangelhaft ausgerüsteter osteuropäischer Schlagetots, die selbst von den militärisch zweitklassigen iranischen Revolutionsgardisten mühelos zusammengeschossen würden. Und das auch nur wenn sie Glück haben. Wenn sie Pech haben, fallen sie noch lebend in die Hände der islamistischen Fanatiker, und wie man dort zur Genfer Konvention steht, sollte sich auch in der realen Welt eher abgewandten Kreisen inzwischen herumgesprochen haben.

2. Die Rekrutierung

Doch selbst wenn so eine Befreiungsaktion wie durch ein Wunder im Einzelfall funktionieren sollte, wäre das eben nur die Ausnahme, die die Regel bestätigt, und die lautet nun mal „Die Wildgänse fliegen nicht mehr“, schon gar nicht gegen richtige Staaten wie den Iran statt gegen fünftklassige, eben erst unabhängig gewordene Ex-Kolonien. Wenn die Überlebenschancen aber so gering sind, wird auch der großzügigste Söldnerführer irgendwann nicht mehr genug Freiwillige finden, die für eine Handvoll Dollar in den sicheren Tod stürmen wollen.

3. Das Personal

Ohnehin stellt sich die Frage, was für Gestalten von einer Karriere als Projektsöldner angezogen werden. Die ernsthaft empörten liberalen Wohlstandsbürger unter ihnen werden wahrscheinlich nicht mal die Grundausbildung schaffen, und diejenigen, die damit dank Muckibude und Kickboxtraining kein Problem haben, werden die schießwütigen Kameraden von Blackwater & Co. noch vergleichsweise diszipliniert aussehen lassen. Denn anders als beim staatlichen Militär gäbe es hier nicht mal ein Gericht, vor das man Kriegsverbrecher anschließend stellen könnte.

4. Das Kriegsziel

Das Problem sind zudem nicht die Einzelfälle, bei denen im libertären Söldnerrat jeweils konkret entschieden wird, ob die zu Rettenden auch genügend Fans haben, um die Kosten einzuspielen, sondern ein Regime, das seine Untertanen dermaßen terrorisiert, daß man sie mit Waffengewalt da rausholen muß. Dazu aber fehlt schlicht und einfach das finanzielle Potential, das nötig wäre, um einen kompletten Staat aus den Angeln zu heben, und ob die US Navy ihre Flugzeugträger an die auf den Antillen registrierte LibertArms Inc. verleast, ist dann doch eher fraglich.

5. Die Finanzierung

In libertären Kreisen hat man aber ohnehin eine recht romantische Vorstellung von den Kosten der Kriegsführung. Dort glaubt man, daß in einem Hinterzimmer ein Koffer mit ein paar Millionen den Besitzer wechselt und dann schlägt Richard Burton jede Armee. Doch das Geld, daß Roger Moore für einen stilvollen Lebensabend verplant hat, geht bereits komplett für die Ausrüstung drauf, und das auch nur, wenn man die ganz großen HighTech-Brocken anteilsmäßig irgendwie runterrechnen könnte. Kann man aber nicht, so daß Roger eigentlich noch was zuzahlen müßte.

6. Die Moral

Aber selbst wenn aus irgendeinem Grund genügend Spenden zusammenkämen, weil dieser Fall jeden rührt (wenn auch mit Sicherheit nicht halb so viel wie wenn die Revolutionsgardisten Knut entführt hätten), müßte das Geld ja von Fall zu Fall neu eingetrieben werden. Und ich wage angesichts weitverbreiteter Phänomene wie Tierliebe und Schwulenhass mal die Voraussage, daß beispielsweise die Truppe zur Befreiung eines zum Tode verurteilten Homosexuellen irgendwie etwas kleiner und schlechter ausgerüstet ausfallen würde als für ein beliebiges Robbenbaby.

Letztlich krankt das ganze also mal wieder am alten Grundproblem der ansonsten ja durchaus sympathischen libertären Idee, nämlich der systematischen Unterschätzung der Einnahmeseite. Und die wird immer zu kurz kommen, solange Libertäre bestimmte universalistische Ideen nicht als Basis menschlicher Zivilisation akzeptieren, für die man dann auch mal Steuern erheben darf. Wenn sie das erst begriffen haben, kann man mit ihnen sicher auch über eine sinnvollere Gestaltung der Ausgabenseite diskutieren. Davor jedoch freuen wir uns, daß Libertäre keine Minister werden.

(Hat tip: DDH)