Nach Jahren, ach, was sage ich, Jahrzehnten des Rumpelfussballs, in denen sich die deutsche Elf durch den Kampf zum Sieg quälte (und den Zuschauer, der von leichtfüßigen Lateinamerikanern, spritzigen Südeuropäern oder spielfreudigen Afrikanern träumte, gleich mit), liefern sie plötzlich einen mitreißenden Angriffsfußball ab, der geradezu geniale Spielzüge mit endlich auch einmal balltechnischer Brillianz kombiniert, und sogar einem Dauernörgler am deutschen Fußball wie mir ein anerkennendes Staunen abnötigt.

Dagegen stand gestern eine Mannschaft, die seit Beginn der WM im wesentlichen von der vergeblichen Hoffnung lebt, daß dieser selbst eher an deutsche Verteidiger der 80er-Jahre erinnernde Brecher namens Rooney (irgendein respektloser Witzbold hat diesen Grobmotoriker tatsächlich mit einem Genie wie Messi verglichen) auch mal ein Tor schießt, von vorneherein auf verlorenem Posten, und zwar auch ohne, daß der ohnehin bereits nicht besonders gut geratene Schiedsrichterjahrgang 2010 vorher noch im Ergebnis drin rumpfuscht.

Denn machen wir uns nichts vor: Auch mit dem zu Unrecht nicht gegebenen 2:2 (sagen wir, wir lassen diese leidige Geschichte mit Wembley ab jetzt einfach ruhen und sind endlich quitt) wäre nicht plötzlich eine Schar Engel vom Himmel herabgestiegen und hätte die gewohnt einfallslos und behäbig wirkenden Kicker ihrer Majestät in vor Ideen nur so sprühende begnadete Fußballkünstler verwandelt. Auch ein Gegentor mehr hätte weder an der klaren taktischen wie spielerischen Überlegenheit von Jogis Mannen noch an der Buchung der Heimflugtickets irgendwas geändert.

Und seien wir mal ehrlich: Es trifft ja keinen Unschuldigen. Der britische „Kick and Rush“ ist zusammen mit dem Catenaccio italienischer Prägung schließlich das einzige, was über all die Jahre noch unansehnlicher war als die Darbietungen traditioneller teutonischer Ballmißhandlung, auch wenn das für Leute, die es schon als Ausdruck spielerischer Finesse betrachten, den Ball nicht einfach nach vorne zu dreschen, sondern gezielt in die Flügel zu spielen, damit von da dann eine Flanke den Kopf des Stürmers trifft, zugegeben nicht einfach nachzuvollziehen ist. Wenn ich schwitzenden Kraftsportlern bei ihrem Kräftemessen zuschauen will, dann sehe ich mir einen alten Sandalenfilm an, im Fußball aber erwarte ich schon ein etwas filigraneres Auftreten als bei den Hammerwerfern.

Macht aber nix, liebe Engländer, Kopf hoch und Unterlippe steif, denn wichtig ist unterm Strich doch nur, daß Ihr, wenn es wirklich darauf ankam, die entscheidenden Pokale – das Viertelfinale des Seelöwen-Cups im Jahre 1940, das Halbfinale bei der Wüstenmeisterschaft von El Alamain zwei Jahre später, und dann das 1944 in der Normandie ausgespielte Endspiel um die „Festung Europa“ – immer souverän geholt habt. Auch wenn Ihr auf dem Rasen jetzt verdient den kürzeren gezogen habt, die „ten German bombers“ bleiben trotzdem ein so zeitloser wie lustiger Megahit, und die Spitfire war sowieso schon immer viel hübscher als die Me-109.

Wir gewinnen halt die Fußballspiele, Ihr dafür die Weltkriege, damit sollten eigentlich beide Seiten leben können. Denn letztlich ist das ja auch eine durchaus sinnvolle Arbeitsteilung, von der alle profitieren: Die Welt, weil die Hunnen bei Ihren Eroberungszügen spätestens von Euch immer gestoppt werden, und die Zuschauer, weil der Höhepunkt des Weltfußballs mehr sein kann als ein häßliches 2:0, von dem eins dann ein noch häßlicherer Elfmeter ist. Solange die Krauts nur auf dem Fußball- und nicht auf dem Schlachtfeld gewinnen un das dann auch noch optisch ansprechend gestalten, ist jedenfalls alles im grünen Bereich.

Und jetzt drücken wir gemeinsam die Daumen, daß Ghana das Finale gegen Deutschland gewinnt. Dann sind wir alle ein bißchen Weltmeister: Ghana, weil es mehr Tore als Deutschland geschossen hat, Ihr, weil es immerhin mal Eure Kolonie war, und wir, weil wir ja auch ein bißchen zur Familie Boateng gehören.