McChrystal-Entgleisungen – Schlacht um den Läster-Krieger

Stanley McChrystal sollte den Afghanistan-Krieg gewinnen, doch nach seinen Hohnreden über den US-Präsidenten und dessen Team droht ihm der Rauswurf. Muss Obama den General feuern, um seine Autorität zu beweisen?

Komisch, früher waren kritische Stimmen aus dem Sicherheitsapparat, die sich gegen den eigenen Präsidenten richteten, immer kluge Worte unabhängig denkender weiser Männer, heute hingegen sind es ungebührliche Entgleisungen illoyaler Kommißköppe, für die ein bloßer Rücktritt noch viel zu gut ist. Aber damals hieß der Präsident ja auch noch Bush, da war das wohl was anderes.

Dabei sind McChrystals Äußerungen inoffizieller Natur, und selbst wenn man persönliche Ansichten im Falle des Abweichens von der offiziellen Linie als illoyal betrachtet, sind sie sachlich nicht mal falsch bzw. da, wo sie es nicht sind, völlig harmlos verglichen mit dem Hohn und Spott, den Obamas Amtsvorgänger jahrelang und immer unter dem Beifall des SPIEGEL über sich ergehen lassen mußte:

[…] Der Vier-Sterne-General und seine engsten Mitarbeiter verspotteten gegenüber einem Reporter des Musikmagazins „Rolling Stone“ Obamas Sicherheitsberater James Jones als „Clown“. Den Namen von Vizepräsident Joe Biden verballhornten sie als „Bite Me“, was sich frei als „Leck‘ mich“ übersetzen lässt. Amerikas Afghanistan-Sonderbeauftragter Richard Holbrooke ist für die Militärs bloß eine nervöse Nervensäge, die ständig seine Ablösung fürchte.

Schlimmer noch: In McChrystals Umgebung, so ist im Magazintext nachzulesen, gilt der Präsident selbst als ahnungsloser Novize. Ein Mitarbeiter des Generals schildert eines der ersten Treffen seines Bosses mit dem Präsidenten so: „Obama wusste eindeutig nichts über ihn, wer er ist. Da ist der Mann, der diesen verfickten Krieg verantworten soll, aber er scheint sich gar nicht so sehr zu kümmern.

Na und? Obama hat sich nun mal nicht als Ausbund außenpolitischer oder gar militärischer Kompetenz erwiesen, dafür kann McChrystal jetzt wirklich nichts. Und Bidens Wahrnehmung der sich weltweit zusammenrottenden Feinde Amerikas als ein Haufen im Gebirge herumstreunender Terroristen, die man mit ein paar Green Berets schon in den Griff kriegt, ist auch nicht gerade eine gute Ausgangsposition bei der Kandidatur zum diesjährigen Nobelpreis für Genialität. Die Diplomatenkasper aus Washington wiederum haben von Bosnien bis zum Irak schon so viel in den Sand gesetzt, daß man verstehen kann, wenn die Militärs bei deren Erwähnung nicht gerade vor Respekt erschauern.

[…] McChrystal ist eine Art Wiederholungstäter. Als die Regierung voriges Jahr über den weiteren Kurs in Afghanistan tief gespalten war, wurde zum Ärger des Weißen Hauses urplötzlich ein internes Memo bekannt, in dem der General seine Argumente für eine Truppenaufstockung darlegte. Bei einem Auftritt in London bezog er zudem offen gegen Vize Joe Biden Stellung, der eher für die gezielte Jagd auf Terroristen warb. „Die ehrliche Antwort ist: Nein“, antwortete McChrystal auf die Frage, ob Bidens Strategie zum Sieg am Hindukusch führen könne. Das sorgte für Stirnrunzeln im Oval Office.

Hier werden die Vorwürfe dann vollends absurd. Wenn bereits die Warnung vor einer falschen Strategie und das Vorlegen sinnvoller empfundener Alternativen als ungebührlich empfunden werden, dann steht es noch schlechter um Amerika als nach Obamas Stümpereien ohnehin schon zu befürchten war. Aber gut, wenn die Wahrheit im Oval Office für Stirnrunzeln sorgt, wissen wir wenigstens, wie es in den dahinterliegenden Hirnen aussieht. Nämlich ziemlich leer.