Da habe ich mit meiner Einschätzung der türkischen Abwendung vom Westen so falsch offenbar nicht gelegen. Unter dem treffenden Titel „Turkey Knows Who the Strong Men Are“ kommt Jennifer Rubin im „Commentary“ jedenfalls zu einer recht ähnlichen Bewertung des Kurswechsels der türkischen Regierung:

Turkey for some time has been leaning away from Europe and from a secularized model that for decades has distinguished it from its Muslim neighbors. It had become a stable, economically productive post-Ataturk nation. That is changing.

But the Obama team has done little to abate and arguably contributed to this shift.

Ist ja auch kein Wunder, macht schließlich mehr Spaß, ein „führender Akteur“, vielleicht sogar Juniorpartner in einem aufstrebenden Machtblock zu sein, als nur ein kleines Rädchen in einer zerfallenden Allianz. Betrüblicherweise ist Obama nicht gerade jemand, der die daraus erwachsende existenzielle Gefahr für den Westen und damit auch für die nationale Sicherheit der USA erkennt, geschweige denn angemessen adressiert. In seinem Telefongespräch mit Erdogan versuchte er’s erwartungsgemäß mal wieder auf die diplomatische Tour (wobei man über eine halbwegs neutrale Haltung gegenüber Israel in seinem Fall inzwischen ja fast schon wieder froh sein muß):

He then tried to reason with the incandescent Turkish prime minister Recep Erdogan, who had just branded the Israeli raid a „bloody massacre.“
Offering deep condolences for the loss of life aboard the flotilla, the US president said better ways must be found to bring humanitarian aid to the people of Gaza without undermining Israel’s security. He supported the UN Security Council’s call for „a credible, impartial and transparent investigation“ of the event, but refused to condemn Israel or take the inquiry out of its hands.

Und wie so oft, wenn er es auf diese Weise probiert, fiel auch die Antwort entsprechend aus:

debkafile reports from Ankara that Erdogan declined to be talked round, declaring that if America did not punish Israel for insolently „trampling on human honor“, Turkey would.

Man kann es Erdogan nicht mal übel nehmen. Er nimmt sich letztlich nur raus, wovon er glaubt, daß es ihm Vorteile bringt. Umso wichtiger wäre es, ihm deutlich zu verstehen zu geben, daß er sein Land und damit auch sein eigenes politisches Überleben mit dem derzeit eingeschlagenen Kurs jeglicher Zukunft beraubt. Gerade wenn man – wie der Schreiber dieser Zeilen – der Türkei wohlgesonnen ist und zu den wenigen gehört, die sie langfristig sogar fester in Europa integriert sehen möchte, kommt man nicht umhin festzustellen, daß es höchste Zeit ist, auch der türkischen Regierung gegenüber folgende Punkte unmißverständlich klarzustellen:

  1. Die NATO ist die stärkste Militärallianz der Geschichte und wird das allen Widerständen zum Trotz auf unabsehbare Zeit auch bleiben. Selbst die USA alleine sind jedem feindlichen Bündnis haushoch überlegen.
  2. In diesem Bündnis ist man nur erwünscht, wenn man die westliche Moderne vorbehaltlos auch gegen die fundamentalistische Reaktion verteidigt. Dies gilt analog ebenso für einen möglichen Beitritt zur EU.
  3. Israel ist Teil dieses Westens und wird von diesem mit allen Mitteln verteidigt werden. Israel wird als jüdischer Staat bestehen bleiben, was für Staaten, die dies infrage zu stellen versuchen, nicht zwingend gilt.
  4. Der Westen wird auf existentielle Bedrohungen notfalls auch mit existentiell bedrohenden Mitteln reagieren. Bevor er untergeht, wird er aller Friedensliebe zum Trotz immer die „Game over – you lost“-Karte ziehen.
  5. Der Iran wird einen Krieg gegen den Westen katastrophal verlieren, und seine Bündnispartner werden hinterher behandelt werden wie die Bündnispartner eines Landes, das einen Krieg katastrophal verloren hat.

Allerdings müßte Obama sich dieser Punkte dazu wohl selber erst mal klar werden.