Archive for Juni, 2010



Der rot-grüne Präsidentschaftskandidat Joachim Gauck hat seine Haltung zum Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr konkretisiert und die Linkspartei in diesem Zusammenhang scharf angegriffen. “Um es klar zu sagen, ich finde den Einsatz nicht gut, aber erträglich und gerechtfertigt”, sagte Gauck der “Saarbrücker Zeitung” (Montag-Ausgabe).

Er sei schon “sehr merkwürdig, dass eine politische Richtung, die Jahrzehnte lang den bewaffneten Befreiungskampf in Afrika und anderswo bejubelt hat, nun einen Radikalpazifismus pflegt”, meinte Gauck mit Blick auf die Linken. “Das ist ein taktischer, aber kein ethischer Pazifismus”.

Was zeigt, daß Joachim Gauck nicht nur als gelernter Ossi und Regimegegner ein interessanter und verdienstvoller Bundespräsident wäre, sondern auch von der Außenpolitik offenbar mehr Ahnung hat als viele von denen, die ihm jetzt die Stimme verweigern wollen. Und damit sind nicht nur die ewiggestrigen Berufsreaktionäre der ex-SED gemeint, sondern auch jene herumniebelnden Liberalen, die aus Gründen der Koalitionsräson allen Ernstes in Kauf nehmen würden, daß wir die nächsten Jahre von einem farblosen niedersächsischen Sparkassendirektor repräsentiert werden, der den Posten nur kriegt, weil er sonst nichts mehr werden will/soll. Wenn Gaucks Wahl der Anfang vom Ende der schwarz-gelben Regierung wäre, dann kann es mit der jedenfalls nicht so weit her sein.


Medwedjew warnt vor kirgisischem Demokratieversuch

Womit alles gesagt wäre. Und zwar sowohl über das Demokratieverständnis russischer Politiker als auch über ihre Relevanz bei der Lösung internationaler Probleme.

Die Kirgisen wollen die parlamentarische Demokratie einführen. Russlands Präsident hält das für einen gefährlichen Weg.

Ist ja auch widerlich, so eine Demokratie. Wahlen, Rechtsstaat, Pressefreiheit – igitt! Alles nur Teufelszeug, um aus strengen Führern warmduschende Waschlappen zu machen.

[…] Die Errichtung einer parlamentarischen Demokratie beinhalte Gefahren, wie den Zusammenbruch eines Staates. Das Land benötige eine starke, gut organisierte Regierung, um dies zu verhindern.

Der sich hier so unverholen für die Herrschaft der starken Hand ausspricht, ist wohlgemerkt in der russischen Führung der gemäßigte, „liberale“, reformorientierte Westler. Da will man gar nicht wissen, was sein Herr und Meister erst dazu sagt.

Auf jeden Fall wird es Zeit, daß man Rußland klarmacht, daß derlei Töne im Westen nicht erwünscht sind. Wenn schon G8, dann wäre Indien jedenfalls ein weit sinnvollerer Ersatz.

Medwedew kann dann statt langweiliger Konferenzen mit frei gewählten Weicheiern ja mit Kim Jong Il am malerischen Strand Nordkoreas über die Vorteile der Stabilität für das persönliche Wohlbefinden eines Diktators räsonieren.


Stymied by political opposition and focused on competing priorities, the Obama administration has sidelined efforts to close the Guantánamo prison, making it unlikely that President Obama will fulfill his promise to close it before his term ends in 2013.

What was promised? 2013?

“The president can’t just wave a magic wand to say that Gitmo will be closed,” said a senior administration official, speaking on condition of anonymity to discuss internal thinking on a sensitive issue.

President Obama can’t wave a magic wand and make things happen but he sure acted like it when, with much fanfare, he signed the Executive Order to close it within one year of him taking office. That pen was his magic wand and he waved as if his deeming it so would make it happen.


Nach Jahren, ach, was sage ich, Jahrzehnten des Rumpelfussballs, in denen sich die deutsche Elf durch den Kampf zum Sieg quälte (und den Zuschauer, der von leichtfüßigen Lateinamerikanern, spritzigen Südeuropäern oder spielfreudigen Afrikanern träumte, gleich mit), liefern sie plötzlich einen mitreißenden Angriffsfußball ab, der geradezu geniale Spielzüge mit endlich auch einmal balltechnischer Brillianz kombiniert, und sogar einem Dauernörgler am deutschen Fußball wie mir ein anerkennendes Staunen abnötigt.

Dagegen stand gestern eine Mannschaft, die seit Beginn der WM im wesentlichen von der vergeblichen Hoffnung lebt, daß dieser selbst eher an deutsche Verteidiger der 80er-Jahre erinnernde Brecher namens Rooney (irgendein respektloser Witzbold hat diesen Grobmotoriker tatsächlich mit einem Genie wie Messi verglichen) auch mal ein Tor schießt, von vorneherein auf verlorenem Posten, und zwar auch ohne, daß der ohnehin bereits nicht besonders gut geratene Schiedsrichterjahrgang 2010 vorher noch im Ergebnis drin rumpfuscht.

Denn machen wir uns nichts vor: Auch mit dem zu Unrecht nicht gegebenen 2:2 (sagen wir, wir lassen diese leidige Geschichte mit Wembley ab jetzt einfach ruhen und sind endlich quitt) wäre nicht plötzlich eine Schar Engel vom Himmel herabgestiegen und hätte die gewohnt einfallslos und behäbig wirkenden Kicker ihrer Majestät in vor Ideen nur so sprühende begnadete Fußballkünstler verwandelt. Auch ein Gegentor mehr hätte weder an der klaren taktischen wie spielerischen Überlegenheit von Jogis Mannen noch an der Buchung der Heimflugtickets irgendwas geändert.

Und seien wir mal ehrlich: Es trifft ja keinen Unschuldigen. Der britische „Kick and Rush“ ist zusammen mit dem Catenaccio italienischer Prägung schließlich das einzige, was über all die Jahre noch unansehnlicher war als die Darbietungen traditioneller teutonischer Ballmißhandlung, auch wenn das für Leute, die es schon als Ausdruck spielerischer Finesse betrachten, den Ball nicht einfach nach vorne zu dreschen, sondern gezielt in die Flügel zu spielen, damit von da dann eine Flanke den Kopf des Stürmers trifft, zugegeben nicht einfach nachzuvollziehen ist. Wenn ich schwitzenden Kraftsportlern bei ihrem Kräftemessen zuschauen will, dann sehe ich mir einen alten Sandalenfilm an, im Fußball aber erwarte ich schon ein etwas filigraneres Auftreten als bei den Hammerwerfern.

Macht aber nix, liebe Engländer, Kopf hoch und Unterlippe steif, denn wichtig ist unterm Strich doch nur, daß Ihr, wenn es wirklich darauf ankam, die entscheidenden Pokale – das Viertelfinale des Seelöwen-Cups im Jahre 1940, das Halbfinale bei der Wüstenmeisterschaft von El Alamain zwei Jahre später, und dann das 1944 in der Normandie ausgespielte Endspiel um die „Festung Europa“ – immer souverän geholt habt. Auch wenn Ihr auf dem Rasen jetzt verdient den kürzeren gezogen habt, die „ten German bombers“ bleiben trotzdem ein so zeitloser wie lustiger Megahit, und die Spitfire war sowieso schon immer viel hübscher als die Me-109.

Wir gewinnen halt die Fußballspiele, Ihr dafür die Weltkriege, damit sollten eigentlich beide Seiten leben können. Denn letztlich ist das ja auch eine durchaus sinnvolle Arbeitsteilung, von der alle profitieren: Die Welt, weil die Hunnen bei Ihren Eroberungszügen spätestens von Euch immer gestoppt werden, und die Zuschauer, weil der Höhepunkt des Weltfußballs mehr sein kann als ein häßliches 2:0, von dem eins dann ein noch häßlicherer Elfmeter ist. Solange die Krauts nur auf dem Fußball- und nicht auf dem Schlachtfeld gewinnen un das dann auch noch optisch ansprechend gestalten, ist jedenfalls alles im grünen Bereich.

Und jetzt drücken wir gemeinsam die Daumen, daß Ghana das Finale gegen Deutschland gewinnt. Dann sind wir alle ein bißchen Weltmeister: Ghana, weil es mehr Tore als Deutschland geschossen hat, Ihr, weil es immerhin mal Eure Kolonie war, und wir, weil wir ja auch ein bißchen zur Familie Boateng gehören.


G8: Gaza situation unsustainable

Stimmt! Das geht nun wirklich nicht:

Eine islamisch orientierte Oligarchie sei entstanden, sagt der Politologe Mkhaimar Abusada, ein engmaschiges Beziehungsnetz zwischen den Hardlinern in der Hamas und den Geschäftsleuten, die vom Tunnelgeschäft profitieren. Sie favorisieren die Hamas nicht, weil sie religiös sind, sondern weil sie vom Status quo profitieren. «Wenn wir Raketen abfeuern müssen, um die Grenzen geschlossen zu halten, dann schiessen wir halt», sagt ein Tunnelbauer.


Nach der nur begrenzt erfolgreichen Regattateilnahme am im östlichen Mittelmeer stattfindenden „Terrorist’s Cup 2010“ zeigt die türkische Außenpolitik erste Risse. Die eigenen Diplomaten warnen vor der Isolation im Westen, Militärs und Geheimdienst sorgen sich zunehmend um die negativen Folgen für die nationale Sicherheit, und die Israelis verstehen sich auf einmal blendend mit den Nachbarn der Türkei.

Zypern ist ihnen so wohlgesonnen, daß selbst die Free Gaza-Spinner lieber ins nicht ganz so nah gelegene London flüchten, die Griechen profitieren bei ihren Streitigkeiten mit der Türkei zunehmend von der militärischen Kooperation mit Israel, die Kurden werden von den israelischen Geheimdiensten auch nicht weniger Hilfe bekommen, und nach dem US-Kongreß ist jetzt sogar der große Bruder in Washington allmählich ungehalten.

Nachdem das State Department am Donnerstag unmißverständlich klarstellte, daß die Gaza-Flotillen (und das gilt damit auch für diejenigen, die aus der Türkei kommen) unverantwortlich sind, zumal es bereits bewährte und sinnvollere Möglichkeiten der Hilfslieferungen auf dem Landweg gibt, legte jetzt mit Obamas „Mr. Europa“ ein Spitzendiplomat nach und zeigte dem ruppigen türkischen Rechtsaußen die Gelbe Karte:

The United States is warning Turkey that it is alienating US supporters and needs to demonstrate its commitment to partnership with the West.

The remarks by Philip Gordon, the Obama administration’s top diplomat on European affairs, were a rare admonishment of a crucial NATO ally.

„We think Turkey remains committed to NATO, Europe and the United States, but that needs to be demonstrated,“ Gordon told The Associated Press in an interview. „There are people asking questions about it in a way that is new, and that in itself is a bad thing that makes it harder for the United States to support some of the things that Turkey would like to see us support.“

Sofern er den Rest des Spiels nicht mit Assad und Achmadinedschad auf der Bank verbringen will, sollte Erdogan daher mit weiteren Fouls in nächster Zeit besser etwas vorsichtig sein.


ME war tensions mount over Gaza-bound „enemy ships.“ Hizballah pledges reprisal

Große Worte, aber solange Nasrallah nicht sicher weiß, daß seine Herren in Teheran und Damaskus im Falle eines Krieges gegen den zionistischen Erzfeind tatsächlich die Oberhand behalten, weil sie doch noch rechtzeitig die geheime Superwaffe finden, wird er den Teufel tun und die IDF ohne Not zu einem Besuch in seinen Führerbunker einladen.

After all, Hezbollah doesn’t want war right now; it can’t afford another conflict like 2006. To be sure, Nasrallah’s management of what he calls the divine victory counts as one of the most brilliant campaigns in the history of information warfare. A man bunkered for the rest of his life has convinced the world that he won while his wardens lost.

Bloß wieder auf die Medien vertrauen wäre aber in einem Kampf, in dem es für den Gegner nicht um die Fortführung der Politik mit anderen Mitteln und damit auch um das internationale Ansehen, sondern mal wieder um das nackte Überleben geht, schon ziemlich mutig. Denn diesmal wird es kein von ein paar kleineren Scharmützeln gefolgtes Feuerwerk wie noch 2006 geben, sondern das ganz große Programm von 1982. Da werden nach Nasrallahs Klopfen nicht Ephraim Kishons „zionistische Jammergestalten“ die Tür öffnen, sondern seine „halbnackten Gladiatoren“.

Und nur weil man mit SCUD-Raketen Zivilisten terrorisieren kann, heißt das noch lange nicht, daß man damit auch Kriege gewinnt, was mit Saddam Hussein schon weit gefährlichere Zeitgenossen feststellen mußten. Wenn die Israelis davon ausgehen, im Falle eines Krieges mit Syrien binnen 5 Tagen vor Damaskus zu stehen und Assads Schreckensherrschaft ein für allemal ein Ende zu setzen (was selbst unseren Internetcafe-Diktator noch rechtzeitig zum Nachdenken bringen könnte), dann wird sich die aller Aufrüstung zum Trotz immer noch vielfach schwächere Hisbollah sehr genau und vor allem lange genug überlegen, ob sie für ein untergehendes fremdes Regime wirklich bis zum letzten libanesischen Schiiten kämpfen soll.

But of course, Lebanon’s Shia are like all other men—they bleed and die and know when they have been decimated. For instance, during Israel’s war with Gaza in the winter of 2008 to 2009, when a small quiver of rockets was fired against Israel from southern Lebanon, Shia left their homes in droves fearing Israeli retaliation. The Lebanese government was incapable of processing all the passport requests from southerners who wanted to leave the country and remove the targets from their heads for good. In spite of the quasi-hysterical pitch of Hezbollah’s rhetoric over the last few months, they will be careful about starting a war that may turn the Shia community of the south into permanent refugees.

Entscheidend wird jedoch sein, ob die Mullahs alles auf eine Karte setzen, weil sie inzwischen so kurz vor der Bombe sind, daß sie jetzt bereits den großen Endkampf gegen den untergehenden Westen führen zu können glauben, um das Spiel dann notfalls über die Zeit zu retten, oder ob man die Hisbollah nicht lieber für den Fall eines Scheiterns als letzte Karte im Ärmel behält, um nach einem knappen Überleben wenigstens noch ein bißchen mitmischen zu können.

As for Hezbollah’s sponsor in Tehran, the question is how the Islamic Republic conceives of its nuclear program. If a bomb is the regime’s grand prize and the historical patrimony of the Persian nation, then Tehran has no choice but to unleash Hezbollah in retaliation should the Israelis, or the United States, strike. However, if the Iranians conceive of the bomb as just one asset among others in the regime’s arsenal, then it may pause before spending Hezbollah, another expensive investment, at a moment when Israel’s response is likely to be particularly fierce.

Und „particularly fierce“ dürfte selbst für einen siegreichen Höhlenbewohner wie unseren Nasrallah am Ende des Tages dann doch ein bißchen viel sein.

(Hat tip: TPR)


Sollte Obama doch begreifen, daß das Appeasement gescheitert ist?

US-led armada secretly drilled bombing Iranian targets, missile defense with Israel

Sollte er am Ende wider Erwarten gar einen passenden Plan B haben?

Iran on war alert over „US and Israeli concentrations“ in Azerbaijan

Oder hat er sich, nachdem ihm sogar die Araber in den Rücken gefallen sind und dem zionistischen Erzfeind selbigen gestärkt haben, einfach nur ausgerechnet, daß er mit einem Militärschlag gegen den Iran unterm Strich weit mehr und größere Probleme löst als er sich dadurch neue schafft?

Auf jeden Fall sollte man diesen Sommer von einem Urlaub in Abu Dhabi besser mal absehen.


Bei einem Stadtteilfest in Hannover sollen Jugendliche eine jüdische Tanzgruppe attackiert haben. Sozialarbeiter vermuten aber nur eine spontane Aktion dahinter.

Ach so, das war nur spontaner Antisemitismus? Na, dann ist’s ja gut, der ist bekanntlich halb so schlimm. Nicht jede aus einer Laune heraus entstandene kleine Judenhatz ist gleich Grund zur Sorge, es endet ja auch nicht jedes Pogrom automatisch in einem Holocaust. So ein bißchen Volkszorn sollte man jedenfalls nun wirklich nicht dramatisieren. Sagen auch die Sozialarbeiter. Und die müssen es ja wissen.


Wenn die Weltgeschichte Satiren schreiben würde, dann wäre das hier sicherlich eine davon:

Drei im Januar aus dem US-Gefangenenlager Guantanamo in die Slowakei überstellte Häftlinge sind in einen Hungerstreik getreten. Nach Auskunft von Amnesty International Slowakei protestieren sie damit gegen die schlechten Bedingungen, unter denen sie in einem slowakischen Flüchtlingslager untergebracht sind. Einer der drei Häftlinge, ein ägyptischer Moslem, habe deshalb telefonisch Amnesty International kontaktiert, bestätigte eine Amnesty-Sprecherin am Freitag der dpa.

Aber vielleicht haben die Freigelassenen auch einfach nur den Leuten am anderen Ende der Leitung nicht richtig zugehört. Denn alles ist besser als der GULag unserer Zeit. Sonst wäre schließlich nichts dümmer als amnesty international.