Durch Zufall bin ich auf eine kleine Geschichte gestoßen, die zwar schon etwas über ein Jahr alt, aber immer noch topaktuell ist, weil sie nicht nur einen etwas anderen Blick auf den Nahostkonflikt wirft, sondern auch sehr gut in die derzeit in Deutschland geführte Integrationsdebatte paßt. Obwohl sie „nur“ im wahren Leben statt der großen Politik spielt, ist sie spannend und vor allem ausgesprochen lehrreich, da sie wie in einem Brennglas nicht nur eine ganze Reihe Probleme bündelt, sondern oft auch noch die Lösung aufzeigt.

Dabei ist sie geeignet, völlig unterschiedlichen und teilweise sogar untereinander erbittert verfeindeten Zielgruppen gleichzeitig die Vorurteile um die Ohren zu hauen (zumindest sofern man dort des Lesens mächtig ist). Vom antiwestlichen Islamistenversteher bis zum pseudowestlichen Islamhasser, vom konservativen Einwanderungsskeptiker bis zum möchtegernprogressiven Antizionisten und vom europäischen Medienmacher bis zum amerikanischen Präsidenten ist für jeden genug dabei, daß er mal ernsthaft ins Grübeln kommen sollte.

Auf diese Weise haben wir die einmalige Gelegenheit, die praktische Widerlegung der beliebtesten Irrtümer über Muslime wie Israelis in einem Artikel zusammen vorzufinden. Also frisch aufgemerkt und Hörgeräte auf volle Lautstärke, liebe Links- wie Rechtsreaktionäre, hier könnt Ihr alle was für’s Leben lernen:

Vorurteil 1: Muslime sind intolerante Religionsfanatiker

In Zichron Ya’akov leben heute drei Darfuri Flüchtlingsfamilien. Die Familien sind Muslime, doch von einer freieren und toleranteren Art, als sie in unserer Region üblich ist.

Vorurteil 2: Die Muslime sind alle eine große Familie

Sie flohen aus Darfur erst in den Sudan und dann nach Ägypten. In beiden Ländern wurden sie verfolgt, verprügelt und ausgegrenzt.

Vorurteil 3: Muslime fürchten Israel als ultimativen Todfeind

Wie viele andere hörten sie von Israel und wollten dorthin fliehen. Sie gaben ihr letztes Geld an beduinische Fluchthelfer aus, die sie in die Nähe der israelischen Grenze im Sinai bringen.

Vorurteil 4: Araber behandeln Muslime besser als Israelis das tun

Viele dieser Flüchtlinge werden von der ägyptischen Armee gefangen, viele werden von ihr erschossen, egal ob Männer, Frauen oder Kinder.

Vorurteil 5: Israelische Soldaten schikanieren Muslime, wo immer sie können

Oft geschieht, dass israelische Soldaten von der anderen Seite der Grenze dies mitverfolgen und nichts dagegen tun können. Wie mir von israelischen Soldaten berichtet wird, schliessen sie und ihre Offiziere sehr oft beide Augen, um Darfurflüchtlinge „ungesehen“ durchzulassen, damit sie diese nicht, wie schon geschehen, wieder nach Ägypten ausweisen müssen.

Vorurteil 6: Muslime sind arbeitsscheu und unfähig

Laut Kobi, Professor der Neurobiologie an der Universität Haifa, werden Flüchtlingsfamilien aus Darfur in Israel erst interniert, Frauen und Kinder nach kurzer Zeit, die Männer etwas später, freigelassen. Es wird versucht, meist mit Erfolg, Arbeitsstellen zu vermitteln.

Vorurteil 7: Die Hamas kämpft für die Interessen der Muslime

Die drei Familien, alle Muslime, lebten, bevor sie nach Zichron Ya’akov geholt wurden, nach ihrer Entlassung aus der Internierung im Kibbuz Kerem Shalom, nahe dem Gazastreifen. Kerem Shalom lag jedoch im Dauerbeschuss von Hamas-Raketen.

Vorurteil 8: Israel mißbraucht Muslime als menschliche Schutzschilde

Besonders für die Kinder, durch ein posttraumatisches Syndrom belastet, war dies wiederum eine schwierige Zeit – Amr erzählt noch heute in Kerem Shalom habe es jeden Tag „Bum-Bum“ gegeben – und der Kibbuz beschloss, die Familie in eine ruhige Gegend zu verlegen.

Vorurteil 9: Die Israelis sind muslimhassende Rassisten

Kobi und seine Freunde boten sich an, da sie sich für eine solche Aktion vorbereitet hatten. Kobi erzählte mir, dass in Kerem Shalom beim Abschied Tränen geflossen seien, man hatte die Familien lieb gewonnen.

Vorurteil 10: Israelis können mit Arabern nicht friedlich zusammenleben

Die Gruppe mit Kobi, dem Professor, besteht neben ihm aus Sharon, einer Amerikanerin, dem Ehepaar Nicole (Chile) und Steward (USA), dem Buchprüfer Muhammed und seiner Frau Farida aus dem Wadi Ara und Ro’i einem Rechtsanwalt. Was sie motiviert ist die Gleichgültigkeit der Welt gegenüber dem Leiden anderer.

Vorurteil 11: Das Schicksal der Palästinenser ist zurecht der Schwerpunkt der UNO

Im Gegensatz zu palästinensischen Flüchtlingen, an die Milliarden verteilt werden, gehen Flüchtlinge aus Darfur, wie praktisch alle anderen, leer aus. Weder Europa noch die UNO interessiert sich für sie, das weltweite Gutmenschentum nimmt den Genozid in Darfur nicht wahr.

Vorurteil 12: Die Israelis beuten Muslime aus wo immer sie können

Die Gruppe hatte Geld gesammelt, die Beträge von 100 Schekel bis zu einigen Tausend, je nach finanzieller Kraft des Gönners, und brachten die drei Familien im Hotel Havat Habaron unter, wo sie kleine Apartments erhielten.

Vorurteil 13: Muslimische Einwanderer sind nur eine finanzielle Belastung

Schnell fanden die Männer und etwas später die Frauen Arbeit und nach recht kurzer Zeit wurden die Familien selbstversorgend.

Vorurteil 14: Israel ist ein rassistischer Apartheidsstaat

Nur das israelische Krankenversicherungssystem, erlaubt ihr Status noch nicht. Wie mir Kobi erklärt, habe die israelische Regierung inzwischen ein Gesetz erlassen, das eine grosse Zahl dieser Flüchtlinge als permanente Einwohner anerkennt und ihnen so sämtliche Bürgerrechte (ausser dem aktiven und passiven Wahlrecht) mit allen Sozialversicherungen. Das wird in wenigen Wochen der Fall sein, sodass die Kasse der Betreuungsgruppe entlastet werden wird. Permanente Niederlassung wird aber nur Flüchtlingen vor Völkermord und Rassismus erteilt, Wirtschaftsflüchtlinge erhalten sie nicht.

Vorurteil 15: Muslime lassen sich im Westen nicht integrieren

Unsere darfurischen Familien sind nicht gross. Omar und Malak haben einen Sohn, Amr. Die damals achtzehnjährige Safa heiratete Nassr in Zichron Ya’akov und gebar vor kurzem ihr erstes Kind, ebenso mit dem Namen Malak, im Hillel Yaffe Spital im nahen Hadera. Die dritte Familie, Abdul Shakur und Hadija haben zwei Kinder, den Sohn Mudassr und das Töchterchen Arafa. Muttersprache der Darfuris ist Arabisch.

Vorurteil 16: Israelische Politiker sind unsympathische Reaktionäre

Bei der Integration spielt Zichron Ya’akovs Bürgermeister Eli Aboutboul, Mitglied der Arbeitspartei, eine sehr wichtige Rolle. Weder sein Sozial- noch das Schulamt waren begeistert, Flüchtlinge betreuen zu müssen, doch Eli befahl ihnen völlig unbürokratisch, die Familien als volle Bürger von Zichron Ya’akov zu betrachten und entsprechend zu behandeln. Es gehe nicht an, dass im jüdischen Staat verfolgten Menschen nicht geholfen werde.

Vorurteil 17: Muslime sind dumm und bildungsfeindlich

Die Kinder gehen vom ersten Tag an in die Schule oder in den Kindergarten. Die gesamten Familien besuchen einen Ulpan (Sprachschule) um Ivrit (Hebräisch) zu lernen, Sie sprechen es heute schon gut, ich merkte sogar, dass die neunjährigen Mudassr und Amr miteinander Ivrith sprechen.

Vorurteil 18: Israelis sind Muslimen gegenüber bestenfalls gleichgültig

Bürger Zichron Ya’akovs bieten sich als Freiwillige an. Sie geben Nachhilfestunden in Hebräisch, sind Babysitter, gehen mit den Familien einkaufen, bis sich diese damit auskennen und pflegen freundschaftliche Kontakte. Morgen werden sie beim Einzug in die eigene Wohnung mithelfen.

Vorurteil 19: Ohne Israel hätten die Muslime im Nahen Osten Frieden

Es gibt auch Reibereien. Allerdings kaum mit den Einwohnern unserer Stadt, sondern mit den Einwohnern unserer muslimischen Nachbarstadt Faradis. Wie schon erwähnt, sind unsere Flüchtlinge aus Darfur Arabisch sprechende Muslime, aber der entspannten Art, die von vielen Palästinensern und israelischen Arabern nicht gerne gesehen wird.

Vorurteil 20: Die Palästinenser sind irgendwie progressiv

Eine der drei Frauen wurde im benachbarten muslimischen Faradis angepöbelt und offenbar eingeschüchtert und trägt seither manchmal ein Kopftuch. Doch nach den Erfahrungen mit der Janjaweed in Darfur nehmen sie das gelassen.

Vorurteil 21: Araber sind niemals Rassisten, sondern deren Opfer

Allerdings erinnert die Reaktion unserer einheimischen Araber an den arabischen Rassismus gegenüber Schwarzafrikanern, sogar wenn diese Muslime sind – ein eigentlicher Widersinn für eine Religion, die sich als umfassende Weltreligion sehen will. Es erinnert auch daran, dass der arabische Sklavenhandel mit Afrikanern bis heute noch nicht ganz ausgestorben ist.

Vorurteil 22: Alle Muslime stehen hinter dem Kampf gegen Israel

[…] Eine vielleicht gar nicht kuriose, aber verständliche Reaktion einiger Darfurflüchtlinge in Israel während dem vor kurzem zu Ende gegangenen Krieg in Gaza, waren die zahlreichen Anträge darfurischer Männer, in die israelische Armee dienen zu dürfen und für Israel gegen Araber zu kämpfen. Wenn sie in einigen Jahren volle israelische Bürgerschaft erhalten werden, können sie sich auch diesen Traum erfüllen.