Was ist in Hamid Karzai gefahren? Der afghanische Präsident vergrätzt den Westen, der ihm seine Macht garantiert. Er fühlt sich beleidigt und provoziert, jetzt sucht er neue Allianzen, um einen Nato-Abzug politisch zu überstehen – die Beziehung zu den USA ist wohl nicht mehr zu kitten.

Tja, was wird schon in ihn gefahren sein? Er leidet halt am Erdogan-Syndrom. Das ist jene Art von dem Eigeninteresse geschuldeter außenpolitischer Umorientierung, die eigentlich eine ziemlich logische Folge ist, wenn die eigene Schutzmacht mit ihren Alliierten plötzlich härter umspringt als mit den potentiellen Feinden und generell den Eindruck erweckt, daß sie weder in der Lage noch willens ist, besagten Feinden im Ernstfall Einhalt zu bieten.

Genauso wie Erdogan davon ausgehen muß, sich am Ende mit einem nuklear bewaffneten Iran arrangieren zu müssen, weil der große Bruder aus Amerika letztlich nichts dagegen unternehmen wird, so wird sich auch Karzai angesichts der Abzugsdiskussion in den NATO-Staaten fragen, wie er sein physisches Überleben sicherstellen kann, wenn dieses in nicht allzu ferner Zukunft weniger von Washington oder Berlin abhängt als von Teheran und Peschawar.

Und damit es da kein Mißverständnis gibt: Erdogan und Karzai werden nicht die letzten sein, die ihre Schlüsse aus dem außenpolitischen „Change“ seit Obamas Amtsantritt ziehen. Angesichts des sich inzwischen fast schon im Zeitraffer vollziehenden Auseinanderbröselns der traditionellen globalen Sicherheitsarchitektur werden sich selbst die treuesten Verbündeten irgendwann fragen, was sie für Amerika tun sollen, wenn Amerika nichts mehr für sie tun will.

Bevor darob jetzt aber allzu viele Krokodilstränen vergossen werden, sei daran erinnert, daß Obama von seinen Jüngern nicht zuletzt deswegen herbeigesehnt wurde, damit er dem angeblichen Unilateralismus der Hypermacht USA ein Ende bereitet. Er erfüllt also nur die in ihn gesetzten Erwartungen. Die Bushhasser wollten die multipolare Welt. Sie bekommen derzeit die Gelegenheit, einen ersten Blick darauf erhaschen, wie diese Welt ausehen wird.